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17th April
2010
written by DedalusRoot

Vor einiger Zeit saß ich mit einer entfernten Bekannten und einigen Freunden in einem Berliner Café beim Brunch. Die Bekannte studierte Ernährungswissenschaften in Wien und war für ein sechsmonatiges Praktikum, dass sich nun langsam dem Ende zuneigte, nach Berlin gekommen. Während wir also Rührei, Waffeln und Pfannkuchen in uns hineinstopften, unterhielten wir uns über die Zeit nach ihrem Praktikum. Es stellte sich heraus, dass sie zunächst einmal ihre Bachelorprüfung absolvieren musste und sich nicht sicher war, ob sie nach Abschluss der Studiums irgendwo einen Job finden würde.

“Arbeitslos in Wien?” fragte ich ungläubig. “Da kannst Du eigentlich direkt nach der Prüfung wieder nach Berlin kommen… Im Ernst, die Stadt ist ein Paradies für Arbeitslose.” sagte ich grinsend. “Du meldest Dich einfach bei der Agentur, nimmst Deine Stütze und Dein MacBook in Empfang und schon kannst Du Dich unter Deinesgleichen mischen!” Die Bekannte fragte, ob es denn für Ihresgleichen auch subventionierten Latte Macchiato gäbe und wir lachten beide, als uns ein gemeinsamer Freund plötzlich unterbrach.
“Im Ernst jetzt? Ich meine, das mit den MacBooks… Geht das hier in Berlin?” fragte der Kumpel aus Franken, der, wie konnte es anders sein, ein Praktikum in Berlin absolvierte.

“Klar geht das mit den MacBooks… Wobei Du natürlich einige Details beachten musst: Wenn Du Dich das erste Mal bei der Agentur meldest, wird anhand Deines Erscheinungsbilds geprüft, ob Du bezugsberechtigt bist, also schau, dass Dein Dreitagebart sitzt und Deine Klamotten ranzig genug sind, dann kriegst Du auch Dein MacBook. Funktioniert ähnlich wie Leasing, nur zu viel besseren Konditionen…” sagte ich, während ich meiner Bekannten verschmitzte Blicke zuwarf. “Du musst Dich im Gegenzug nur dazu verpflichten einige Stunden täglich in einschlägigen Berliner Szene-Cafés zu sitzen und Kaffee zu trinken, damit die Touristen das typische Berliner Stadtbild zu sehen zu bekommen. Anschließend lässt Du einen Bewirtungsbeleg ausstellen, den Du dann beim Amt einreichst…”

“Das ist nicht Dein Ernst, oder?” fragte mich der Franke, der sich vor Vorfreude auf sein MacBook kaum noch halten konnte.
“Klar ist das mein Ernst,” antwortete ich ganz und gar nicht ernst. “Glaubst Du wirklich das sind alles Graphik- oder Webdesiger? Mal ehrlich… Die, die’s können sind vor ein paar Jahren alle nach Düsseldorf, München oder Hamburg gezogen. Oder sie haben sich vermehrt und bevölkern jetzt den Prenzlauer Berg und schieben dort Kinderwägen. Wenn der Senat da nicht eingriffen hätte, wären erst die MacBooks verschwunden, dann die Cafés, und wir alle wären die längste Zeit ‘Arm aber sexy’ gewesen. Was glaubst Du, warum wir hier bei jedem Wetter draußen sitzen und überall Heizpilze stehen?”
“Und wie ist das mit anderen Notebooks? Ich mein…. was müsste ich denn für ein Thinkpad tun?”

” Dafür muss man leider arbeiten…”


2 Comments

  1. 20/04/2010

    lol – cool – frankenbashing – yeah!!

  2. 12/05/2010

    Thinkpads an die Macht… 8)

    Schöne Geschichte!

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