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4th May
2010
written by DedalusRoot

Auf einem unserer letzten sonntäglichen Spaziergänge zum Mauerpark hatten die schönste Frau der Welt und ich einen Streit über Karaoke. Das mag verwunderlich klingen, aber tatsächlich ist Karaoke eines der wenigen Dinge über die wir vortrefflich streiten können.
Während ich die Idee sich zu betrinken und sich völlig zum Affen zu machen kurzweilig und amüsant finde, ist die schönste Frau der Welt ein strikter Karaoke-Gegner. Das mag zum einen daran liegen, dass Karaoke aus einem Land stammt, dass sich weiterhin vehement weigert den Walfang einzustellen, zum anderen aber auch daran, dass die schönste Frau der Welt Karaoke mit Fremdschämen im Sinne der allgegenwärtigen Casting Shows gleichstellt. Ein völlig untalentierter Niemand steigt auf die Bühne und blamiert sich vor laufender Kamera, während sich das johlende Publikum an seinem Unvermögen ergötzt…
Heute beim Betrachten einer Folge “House MD” fiel mir auf, dass sich in diese Theorie ein kleiner Fehler eingeschlichen hatte. Während es in Casting Shows nur um die Belustigung des Publikums geht, fiel mir rückblickend auf, dass sich bei Karaoke der jeweilige Interpret meist am köstlichsten amüsierte. Ich musste an das Ursprungsland der Karaoke denken und überlegte, was wohl mein liebster Zeitvertreib wäre, wenn ich Zeit meines Lebens damit verbringen müsste das Gesicht zu wahren. Wahrscheinlich verbrachten 90% aller Japaner (no offense! Ich liebe Eure Kampfroboter!) ihr Leben in permanenter Furcht sie könnten mit einer einzigen falschen Kopfbewegung oder einem falschen Handschlag ihre komplette gesellschaftliche Stellung verlieren. Solchen Menschen blieb als letzte Zuflucht vor der drohende Psychose tatsächlich nur ein Refugium: Karaoke. Hier hat jeder das Recht sich unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, Singstimme und Aussehen einmal richtig zum Affen zu machen. Einmal Die Bühne erklimmen, den Drink in der Hand und aus voller Brust “My Way” schmettern, um dann als beklatschter Held von der Bühne zu steigen, nicht obwohl, sondern weil er sich zum Affen gemacht hat… Für einen japanischen Geschäftsmann wahrscheinlich eines der befreiendsten Gefühle seines Lebens.
In dieser Hinsicht ist Karaoke ein bißchen wie Liebe. Man macht sich wissentlich zum absoluten Vollidioten, aber es gibt nichts, was man in diesem Moment lieber täte…

Nachtrag: Ich war noch nie in Japan und mein komplettes Wissen über dieses wundervolle Land und seine wundervolle Kultur entspringt Animes. Nichtsdestotrotz musste ich diese kleine, hinkende Allegorie irgendwie zu Papier bringen.


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