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16th July
2010
written by DedalusRoot

Dass ich ein großer Fan von Thinkpads bin, ist einigen sicher schon bekannt.
Heute entdeckte ich durch Zufall folgenden, schon etwas älteren Blogeintrag von David Hill, dem Vizepräsidenten der Abteilung Corporate Identity & Design von Lenovo. Hill beschreibt in seinem Blog Design Matters, wie er auf die Idee kam, das Touchpad des inzwischen erschienenen T400s mit Texturen ähnlich der Tenji-Blöcke in japanischen U-Bahnstationen zu versehen. Beim Lesen des Blogeintrags musste ich unweigerlich an eine Unterhaltung denken, die ich vor einigen Tagen mit einem Freund geführt hatte, in der wir versuchten die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Apple-Jüngern und Thinkpad-Fanboys (die mindestens ebenso fanatisch sind) zu ergründen.

Die Eingebung kam mir, als ich Hills T400s mit Steves neustem Spielzeug, dem iPad, verglich (Okay, unfairer Vergleich, aber abwarten!). Meines Erachtens hat Steve mit seinem unglaublich Gespür für Zeitgeist und Timing einen Markt erschlossen, den andere Hersteller (vor allem IBM/Lenovo, die immer noch auf den Businessbereich schielen) ignoriert haben, weil Computer ursprünglich nie für diesem Markt konzipiert waren: die Zielgruppe des Konsumenten. Damit meine ich in diesem Fall nicht den Verbraucher im Sinne des BGB, sondern Personen, die die technischen Errungenschaften der Gegenwart ganz explizit und ausschließlich zum konsumieren von Inhalten einsetzen wollen und sich dadurch von anderen, die diese Errungenschaften als Arbeitsgerät betrachten, unterscheiden. Betrachtet man das zahlenmäßige Verhältnis von Lesern und Schriftstellern oder Filmschaffenden und Kinobesuchern, stellt man schnell fest, wie riesig dieser Markt und wie clever (und doch so einfach) die Idee ist.

Die Anforderungen an solche Geräte sind im Vergleich zu herkömmlichen Rechnern völlig andere. Während Dave Hill und seine Kollegen versuchen mir durch ständige Verfeinerung und Verbesserung jeder Generation Thinkpads die Arbeit zu erleichtern, ermöglichen mir Steves Produkte durch Reduktion von Funktionen und Schnittstellen immer und überall das bequeme, enorm benutzerfreundliche Konsumieren: ein Mac mini fürs Wohnzimmer, mein iPod in der dafür vorgesehenen Dock, ein iPhone in der Tasche und ein iPad für’s gemütliche Browsen auf der Couch. Zum generieren von Inhalten eignen sich die aber Geräte aus eben jenem Grund nicht, da die hierfür notwendigen Schnittstellen (und sei es nur die Tastatur) der oben genannten Reduktion zum Opfer gefallen sind. Natürlich kann ich auf auf diesen Geräten Pseudo- oder Mini-Content generieren, indem ich von meinem iPhone tweete oder auf meinem iPad einen Blogpost verfasse, aber ein tatsächliches Arbeiten wird durch Restriktionen verhindert, die der eigentlichen Zielgruppe, dem Konsumenten, ein idiotensicheres Konsumieren ermöglichen.

Nun ist die schiere Existenz dieser Geräte weder von vornerein schlecht, noch halte ich die Käufer für dumm, weil sie zusätzlich zum Kauf der Hardware auch noch für den Inhalt zahlen, den sie via iTunes und Apple Store erwerben. Schließlich zahlen Menschen auch für Pay-TV und kostenpflichtige Pornographie im Netz. Ich selbst gehe regelmäßig ins Kino, weil der Film auf der Leinwand nunmal deutlich besser wirkt als auf meiner piefigen Telefunken-Röhre aus der Zeit des Wirtschaftswunders, und dafür bin ich bereit zu zahlen.

Bis zu einem gewissen Grad fühlt sich der Konsument in mir sogar von Apples Produkten angesprochen. Aber eigentlich generiere ich lieber Inhalt, als dass ich ihn konsumiere, und wenn ich konsumiere, habe ich gerne die Wahl, wem ich dafür die Scheine zustecke…. darum wird es in meinem Haushalt bei diesem einsamen iPod bleiben, der irgendwo in der Ecke verstaubt.

Nachtrag: Dieser Beitrag ist selbstverständlich kostenfrei und darf auf jedem internetfähigen Wiedergabegerät Ihrer Wahl konsumiert werden. Danke!


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4 Comments

  1. Guter Punkt, dass man mit Steve’s Spielzuegen eher nicht Content erstellen kann (mal von den echten Macs abgesehen). Aber bei uns ThinkPad-juengern geht es ja noch um was anderes: diese fast kompromisslose form-follows-function mentalitaet der ThinkPads (“you can have them any color you want, as long as it’s black!”) macht einfach mehr Sinn, im funktionalen Sinne, waerend iZeuchs eher “Sinn” in der befriedigung von aestetischen Verlangen sieht – und diese ganze “it just works” mentalitaet ist zwar sehr angenehm, verdummt die Leute aber noch mehr, weil ihnen der Anreiz genommen wird, auch nur mal ein kleines bischen hinter die Kulissen zu gucken.

  2. 16/07/2010

    Das ist exakt, was ich meinte… warum sollte ich mein Thinkpad in verschiedenen Farben wollen? Schwarz ist eine gute Farbe, und selbst wenn nicht, spielt die Farbe eine untergeordnete Rolle, solang’s kein “California White” ist. Die Veränderungen im Design der Thinkpads waren immer der Funktion des Geräts als Arbeitsgerät untergeordnet: Tastaturbeleuchtung, Edelstahlscharniere, neues Tastaturlayout, Schutz vor Wasserschäden.
    Beim iKram hab’ ich immr ein bißchen das Gefühl das Design des Designs wegen genutzt wird…
    Was die Verdummung angeht: Wenn Leute einen Film gucken, wollen sie auch nicht wissen, wie der gedreht wurde. Ich finde, das kann man dem gemeinen Konsumenten (no offense!) kaum übel nehmen.

  3. Doch! Kann man ihnen uebel nehmen, finde ich! Ich beharre dadrauf, dass die Welt ein etwas besserer Ort waehre, wenn Leute zB wissen wuerden, wie ein Auto so in etwa funktioniert, wenn sie es fahren. Nicht die ganzen Details, aber doch dir Grundzuege. Weil die ganze Mentalitaet des sachen-zumindest-ein-bischen- hinterfragens im endeffekt kritische denken foerdert. Und diese ganze Design- und Einfachkeit-vergoetterung ist genaus das Gegenteil davon. Nicht, dass nun jeder das genaue elektronische layout eines computers kennen muss, aber was eine festplatte ist, oder eine cpu , gehoert einfach genauso dazu, wie die aussagen von politikern im kontext derer interresen zu sehen, oder die eigenen gedanken oder gefuehle im kontext der erkenntnis, dass man halt ein mensch ist. Alles andere ist per definition Ignoranz (das absichtliche ignorieren von wissensluecken).

  4. 17/07/2010

    Nun ja, aber dann sind wir auch schon wieder bei dem Problem der ständig zunehmenden Komplexität… um mal beim Auto zu bleiben: Einen alten VW Käfer in Schuß zu halten war früher kein Problem, siehe die Legende des aus Strumpfhosen improvisierten Keilriemens. 😉
    Heutzutage befindet sich dermaßen viel Elektronik in einem Auto, dass man da lieber einen “Spezialisten” ranlässt. Sicher spielt da viel Desinteresse und Ignoranz mit rein, und selbstverständlich sollte jeder in der Lage sein einen Reifen zu wechseln, aber wenn man Otto Normalverbraucher die Wahl zwischen “It Just works” und Tüftelei gibt, wird er sich wahrscheinlich für das Einfachere von beiden entscheiden.
    Genau deswegen sehe ich diese iKram-Entwicklung, die derzeit stattfindet, so kritisch.

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