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15th July
2010
written by DedalusRoot

“You wear a dress. Baby, I’ll wear a tie.
We’ll laugh at that old bloodshot moon in that burgundy sky.”

Als ich zum ersten Mal jenes tiefe, rauchige Knurren und Heulen hörte, das für die nächsten zwanzig Jahre über das Pantheon meiner Musikgötter regieren sollte, war ich gerade mal dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Berücksichtigt man die Tatsache, dass dieses Pantheon unter anderem Größen wie Johnny Cash, Gustav Mahler und Charlie Parker beheimatet, und ich gerade in musikalischer Hinsicht nicht unbedingt der monotheistische Typ bin, scheint diese Liebe auf den ersten Blick vielleicht verwunderlich, aber tatsächlich gibt es auch bei näherer Betrachtung keinen Künstler der mich länger und nachhaltiger geprägt hat als Tom Waits.

Es begann mit einer Einaldung zum Essen. Ein Cousin meines Vaters hatte zum Essen geladen, und nachdem wir gegessen hatten, ließ man sich nieder um in gepflegter Atmossphäre noch ein Glas zu trinken. Im Hintergrund lief eine Jazz-Combo, deren Sänger eine Stimme hatte, die in mir unweigerlich Assoziationen mit Whiskey, Zigaretten und durchzechten Nächten weckte. “Glaubt man gar nicht, dass der nicht schwarz ist” kommentierte meine Vater, dessen musikalische Entwicklung bedauerlicherweise irgendwo zwischen Trude Herr und Conny Francis Halt gemacht hatte. Sein Cousin, ein glühender Verehrer des jungen Waits und Freund schottischen Whiskys, nahm sich ein Herz und noch einen Drink und begann mit flammender Inbrunst über dessen frühe Schaffensperiode der 70er zu dozieren und weitere Platten aufzulegen, denen die Anwesenden pflichtbewusst und höflich lauschten.

Hier könnte die Geschichte nun enden, wenn nicht dieser Cousin irgendwie den Eindruck gewonnen hätte, dass uns die Musik gefiel, denn einige Wochen später, pünktlich zum Geburtstag meiner Mutter, erhielt sie ein kleines Paket, in dem liebevoll verpackt eine CD lag: Nighthawks at the Diner. Diese kleine silberne Scheibe markierte den Beginn einer wunderbaren Freundschaft und sollte Grundstein für meine inzwischen komplette Plattensammlung sein. Denn obwohl meine Mutter musikalisch deutlich bewanderter und weltoffener als meine Vater war, konnte sie mit dem Album glücklicherweise nicht allzu viel anfangen. Rückblickend lag dies wahrscheinlich daran, dass ihr die jazzigen, eingängigen Melodien und der rauhe, melancholische Gesang zwar gefielen, sie aber aufgrund mangelnder Englischkenntnisse die Texte nicht verstand. So wurde das gute Stück schnell wieder im Regal verstaut, wo es wahrscheinlich bis zum heutigen Tag ein tristes und ungehörtes Dasein gefristet hätte. Das Schicksal jedoch führte mich einige  Tage später zu eben jenem Regal und als ich stöberte, fand ich zwar nicht das Gesuchte (Filme pornografischen Inhalts vermute ich im Nachhinein), dafür aber dieses Album. Das Cover zeigte einen nachlässig lässig gekleideten Waits mit obligatorische Schiebermütze und Zigarette, der aus dem Fenster eines Diners blickt, und dabei genau jene Mischung aus Niedergeschlagenheit und Coolness verkörperte, die ich mir als Heranwachsender wünschte. Dieser Typ, so schien es, kannte sämtliche Schicksalsschläge, die das Leben bereit hielt und trug sie mit einer Würde und Lässigkeit, die mich zutiefst beeindruckte, ohne auch nur einen einzigen Ton der Platte gehört zu haben.

Das Album selbst war die nächste Offenbarung. Obwohl es sich um ein Studioalbum handelte, hatte man es in einem zum Nachtchlub umgebauten Studio inklusive Publikum aufgenommen, um die besondere Atmosphäre von Waits’ Auftritten einzufangen. Eine lässig gezupfte Bassline  in Begleitung eines Tenorsaxophons eröffnete das Intro in einer Art, die mich sofort aufspringen und mit den Fingern schnippen ließ. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon geraucht und getrunken, verflucht, ich hätte mir sofort einen Drink geholt und mir eine angesteckt. Ich hatte von einem Moment auf den anderen das Bedürfnis mich in eine schummrigen und völlig verrauchte Jazzkneipe zu setzen, dieser Musik zu lauschen und ein Teil dieser Atmosphäre zu sein. Dann folgte plötzlich diese Stimme. “Weeeell… an inebriated good evenin’ to y’all” raunte sie,  und ich konnte mir bildlich vorstellen wie diese menschgewordene Personifikation der Coolness, dieser Schutzpatron der Hipster und Rumtreiber, am Mikro stand und an seinem Whiskey nippte, während im die Worte von der Zunge rollten.

Was Waits im Verlauf der nächsten Stunde ablieferte, kam keinem Studioalbum oder Livekonzert gleich, das ich jemals gehört hatte. Die Performance selbst bestand aus einer Mischung melancholischer Jazzballaden, scheinbar improvisierter Spoken Word Einlagen und unzähliger kleiner Geschichten und zotiger Witze, die Waits in seiner ihm eigenen unnachahmlichen Art vortrug, und die von seiner Persönlichkeit und Stimme lebten… Mit der Leichtigkeit eines Drahtseilakrobaten balancierte er zwischen seinen Rollen als Barde, Stand-Up Comedian, Straßenpoet und Geschichtenerzähler ohne auch nur einen Augenblick die Kontrolle über sein Publikum zu verlieren. Ich zappelte wie ein Fisch am Haken. Gleich am nächsten Tag zog ich los und kaufte mir das nächste Album, Blue Valentine, einige Wochen später folgte The Heart of Saturday Night.

Je näher ich den aktuellen Erscheinungen kam, desto experimenteller, verschrobener und exzentrischer wurden die Alben.  1993 veröffentlichte Waits in Zusammenarbeit mit William S. Burroughs und Robert Wilson das Musiktheaterstück The Black Rider, basierend auf Carl Maria von Webers Oper “Der Freischütz”. Später folgten Adaptionen von Büchners “Woyczeck” und “Alice im Wunderland”.

Inzwischen besitze ich tatsächlich alle 23 Alben dieses Künstlers, der sich immer noch wie kein Zweiter verwandelt, in neue Rollen schlüpft und diese beliebig wieder abstreift. Den Thron hat er selbstverständlich immer noch inne…

“Mostly I straddle reality and the imagination.
My reality needs imagination like a bulb needs a socket.
My imagination needs reality like a blind man needs a cane.”
Tom Waits


3 Comments

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Dedalus Root, Dedalus Root. Dedalus Root said: So, gefällt mir zwar noch nicht, aber ich hau's raus… Tom Waits im Blog http://bit.ly/c8eN5p #Musik #Tom_Waits […]

  2. 15/07/2010

    Hmmm, ich habe jetzt ne Weile überlegt, aber ich kenne keinen Sänger (oder Gruppe), der auf diese Weise mit meinem Leben verwoben wäre und von dem ich alles zu Hause hätte. Muss ein angenehmes Gefühl sein 😉

  3. 16/07/2010

    Hihi… als ich jung war, wollte ich Tom Waits sein. Das hat sich inzwischen Gott sei Dank gelegt. 😉
    Aber ich glaube, dass jeder irgendeinen Lieblingskünstler hat, von dem er sagt, dass er einen in irgendeiner Form geprägt oder beeinflusst hat.

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