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16th March
2011
written by DedalusRoot
Photo by @MmeCoquelicot

Ich find’s toll, dass ihr seit fünf Tagen alle gegen Atomkraft seid. Ehrlich, mir wird ganz warm um’s Herz, wenn ich sehe wie beherzt ihr auf die “Gefällt mir”-Knöpfchen drückt und Eure Profilbilder mit Anti-Atom-Buttons schmückt, die Eure Eltern wenigstens noch auf ihren Parkas getragen haben. Ist auch schlimm, diese Atomkraft. Konnten wir vor fünf Tagen ja nicht ahnen

Währenddessen rücken übrigens saudische Eingreiftruppen in Bahrain (kennt Ihr doch von der Formel 1, oder?) ein, um die dort stattfindenden Demonstrationen und Kundgebungen der Opposition niederzuschlagen und mit Panzern und Tränengas-Granaten für “Sicherheit” zu sorgen . Zeitgleich spricht sich die Deutsche Regierung (die kennt ihr sicher noch von der Laufzeitverlängerung, die Ihr jetzt alle so doof findet, oder?) gegen eine Flugsverbotszone in Lybien aus, die verhindern soll, dass der bei Staatsoberhäuptern so allseits beliebte Muammar al-Gaddafi sein eigenes Volk niedermetzelt.

Interessiert aber derzeit keine Sau. Schließlich haben wir einen bevorstehenden Störfall der INES-Stufe 7 (für Euch: Super-GAU). Dagegen kackt das bisschen Völkermord natürlich ab. Übergriffe irgendwelcher durchgeknallten Diktatoren am eigenen Volk sieht derzeit an jeder Ecke. So einen Super-GAU hingegen erlebt man nicht alle Tage. Da will man später seinen Kindern sagen können: “Ich war dabei, ich hab’ dagegen angeklickt!” Wir können ja auch nicht alle Nachrichten lesen. Immerhin beschäftigen wir uns schon mit  Japan, Atomlaufzeiten, Managergehältern und natürlich der Vertragsverlängerung von Joachim Löw (Top-Themen SPON, Stand heute morgen) und den Möpsen von Daniela Katzenberger (Achtung! BILD-Link!).

Aber wisst Ihr was? Ich mach’ Euch ‘nen Vorschlag: Ich bastel’ Euch ein paar schöne Facebook-Seiten samt tollen Buttons und einer super App mit der Ihr ganz locker mit einem Mausklick von zu Hause aus Euer Gewissen beruhigen könnt. Einfach einmal draufklicken und alle Eure Freunde können sehen, dass Ihr gegen Völkerrechtsverletzungen, Atomkraft und Daniela Katzenberger seid. Das Tolle daran: Ihr müsst nicht wie die lausigen Araber auf die Straße gehen oder zusammen mit 500.000 (so viele waren es doch, oder?) Pro-Guttis vor dem Reichstag demonstrieren. Einfach einmal klicken und nach ein paar Wochen könnt Ihr den ganzen Mist wieder vergessen, Euer Profilbild wechseln und auf den nächsten Meinungszug aufspringen, der dann gerade pseudodemokratisch durch Euer blaues Internet getrieben wird, aufspringen. Und die Meinungsäußerung (bzw. -mache!) könnt ihr dann anderen überlassen.

Ich weiß natürlich, dass Ihr alle schon immer gegen Atomkraft wart, die Situation im Nahen Osten ganz furchtbar findet, überhaupt politisch total aktiv seid und Johnny Cash und Kurt Cobain schon vor deren Ableben cool fandet. Ich weiß. Ihr seid die Guten. Ich meine natürlich nicht Euch, sondern die anderen.

Die Katastrophe in Japan ist furchtbar und der Schaden für das Land und die Bevölkerung ist unermesslich. Ich möchte sie durch meine Worte nicht herabwürdigen. Während ich das hier schreibe, versuchen 50 Menschen das AKW in Fukushima mit Meerwasser, Spucke und Bindfaden davon abzuhalten auseinander zu fallen. Sobald ich daran denke, hab’ ich ‘nen richtig dicken Kloß im Hals und mein Magen zieht sich zusammen. Vielleicht sind die Bilder oder Berichte aus Bahrain oder Lybien nicht stark genug, um gegen soviel Unheil anzukommen.
Aber tut mir doch in Bezug auf Eure Meinungsäußerung einen Gefallen:

 

Don’t just click. Fucking scream, idiots!!

 

Nachtrag: Wer für Japan spenden will, kann und sollte das tun:
via Google, Apple iTunes oder direkt beim Roten Kreuz

 

6 Comments

  1. 16/03/2011

    Herrlich sarkastisch, danke.

    Das mit der Flugverbotszone ist allerdings umstritten. Es gibt auch Stimmen, dass das zu bewaffneten Konflikten führen kann (gemeint ist vermutlich ein Konflikt zwischen internationalen Streitkräften und Gaddafi-treuen Truppen).

    Heute in der Straßenbahn saßen drei Araber, vermutlich Libyer, die ein Kauderwelsch aus arabisch und englisch sprachen. Dabei fielen die Worte Obama, Gaddafi und CIA. Mehr verstand ich nicht, man kann es sich aber auch zusammenreimen, und dazu einfach mal an Saddam Hussein und Donald Rumsfeld, oder an Pinochet denken.

    Und sich fragen, ob den derzeit schwächelnden Industriestaaten, deren Ölfirmen mit Libyen Verträge abgeschlossen haben, nicht ein Diktator lieber ist als eine unsichere Zukunft und bedrohte Ölquellen.

  2. DedalusRoot
    16/03/2011

    Danke!

    Was das Flugverbot angeht: Der Ausgang wäre ungewiss, stimmt. Aber wenn ich mich recht erinnere hatten sogar arabischen Staaten für eine Flugverbotszone plädiert, oder? Quelle müsste ich suchen…

    Dass den schwächelnden Industriestaaten ein alternder Diktator im Zweifelsfall lieber ist, als ein politischer Umbruch in einer Region, die einem Pulverfass gleicht, ist fast unbestreitbar. Trotz allem fühle ich immer eine gewisse Mitschuld, wenn ich sehe, wie wenig die großen demokratischen Nationen von ihren hehren demokratischen Idealen halten.

  3. 17/03/2011

    Lieber DedalusRoot,
    Sie sprechen von demokratischen Idealen und wollten aber kurz vorher Ihren Facebookfreunden das Klicken vermiesen.

    Es ist doch deren einzige reale Möglichkeit zu demokratisieren, wenn sie wenigsten in der virtuellen Welt noch etwas mitreden können.

    In der realen Welt, in der nur noch das Geld regiert, hat selbst die Möglichkeit zur Wahl zu gehen, keinen Einfluss mehr auf politische Entscheidungen. Völlig egal, welche Kasperpuppen in der Regierungsbude gerade hampeln oder welche Marionetten an den Fäden des Kapitals hängen, es wird nie das passieren, was das Volk sich wünscht, sondern was es glaubt, sich zu wünschen, was es sich wünschen soll oder was es bekommt, ohne es sich gewünscht zu haben.
    Bei so vielen unterschiedlichen Menschen im Volk ist es wohl auch gar nicht anders machbar.

    Ein Volk ist wesentlich leichter zu manipulieren als ein einzelner Mensch, selbst wenn der auch egoistisch, bequem und kurzsichtig ist.

    Selbst aus der Katastrophe in Japan ist Kapital zu schlagen und es wird genug skrupellose Zocker und Verbrecher geben, die das ausnutzen. Nicht nur die Gaffer und einfältigen Boulevardblattleser lauern auf Sensationen, Skandale und Katastrophen.

    Also, lassen Sie die Menschen klicken, die gerne “mitmachen” wollen. Das Leid anderer Menschen verbessert dramatisch die eigene Lebenssituation, da ist gefühlte Betroffenheit und Anteilnahme ein Ventil für eigene Ängste.

    Ich habe Facebook vorgeschlagen, neben dem “I like it” Button noch eine “Consternation-Skala” einzurichten, wo man von 1 – 10 anklicken kann, wie betroffen und erschüttert man über die jeweilige Katastrophe oder den aktuellen Skandal ist. Dann können auch diejenigen betroffen sein, die kein eigenes Blog haben, in dem sie eine Kerze anzünden können … und die nächste Katastrophe kommt bestimmt! Darauf müssen wir uns virtuell und real vorbereiten!

    Gruß Heinrich

  4. DedalusRoot
    17/03/2011

    Danke Heinrich!

    Das Klicken vermiesen möchte ich eigentlich niemandem.
    Ich bin nur ein wenig traurig, dass es meist beim Klicken aufhört.
    Des Weiteren habe ich das Gefühl, dass unabhängig davon, wie die eigentliche politische Gesinnung aussieht, geklickt wird, weil es gerade “in” ist.

    Susi Müller denkt sich: “Oh, das in Japan ist alles wirklich schlimm” und bemerkt, dass vielen Ihrer Freunden auf Facebook “Atomkraft? Nein, Danke!” gefällt, und “Klick!” ist sie dabei! Das hat nichts mit Demokratisierung zu tun, wie ich finde. Gestern entgegnete mir ein Bekannter es sei doch besser aus scheinbar “falschen Gründen” auf der richtigen Seite sein, als aus scheinbar “richtigen Gründen” auf der falschen.
    In sofern tue ich einigen Menschen vielleicht Unrecht, die auf diesem Weg tatsächlich einen Weg gefunden haben über ihre kleine Welt hinaus politisch aktiv zu sein, aber genau deswegen habe ich ja nicht gesagt “Hört auf zu klicken!”, sondern “Hört nach dem Klicken nicht einfach auf!”

    Nachtrag: Über die “Consternation-Skala” habe ich herzlich gelacht! Ich stelle mir automatische Statusmeldungen vor: “Dedalus Roots Betroffenheitsgrad hat nun Stufe 6 erreicht.” Vielleicht kann man dann sogar je nach Betroffenheitsgrad neue Features oder Apps zur jeweiligen Katastrophe freischalten… das wär’ doch was!

  5. 17/03/2011

    Richtig, so machen wir es!
    …und die Betroffenheitsgrade aller Socialmedia-Plattformen werden zum DBX zusammengefasst.Wenn DAX und andere Kurven fallen, steigt wenigsten noch der Deutsche Betroffenheits Index. 😉

  6. DedalusRoot
    17/03/2011

    Bleibt nur noch eins zu sagen: “I Like!” 🙂

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