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3rd March
2011
written by DedalusRoot

Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts mehr liebe als Menschen in die Kochtöpfe und auf die Teller zu gucken. Man stelle mich einfach in eine fremde Küche, in der etwas brutzelt, dass ich nicht kenne, und ich bin für Stunden beschäftigt und löchere den Koch mit Fragen. Das liegt zum einen an meiner Liebe für’s Kochen und Essen, zum anderen aber auch daran, dass kaum etwas mehr über einen Menschen verrät als die Frage was er isst, und die Art wie er sein Essen behandelt.

Etwas ähnliches müssen sich die Macher von “Zu Tisch in…” gedacht haben. Die Sendung des Kultursenders ARTE, die zu den wenigen Formaten gehört, die ich in der Vergangenheit einigermaßen regelmäßig verfolgt habe, macht nämlich genau das: Sie schaut Menschen in meist abgeschiedenen und ländlichen Gegenden Europas beim Leben, Kochen und Essen zu. Gelebt und gekocht wird dann erwartungsgemäß bodenständig und rustikal, das Menü reduziert sich naturgemäß auf das, was die jeweilige Region hergibt. Ein wirklich schönes Konzept, dass nicht nur den Hobbykoch in mir befriedigt, sondern auch viel über Land und Leute verrät. So begleitete das Team in einer der ersten Folgen, die ich vor einiger Zeit sah, eine samische Rentierzüchterfamilie und dokumentierte wie sich der Alltag gestaltet, wenn die einzig verwertbare Ressource im Umkreis von Hunderten von Meilen das Rentier ist: Rentierschinken zum Frühstück, Rentierschnitzel zu Mittag und die (sehr kräftigende!) Rentierblutsuppe zum Abendessen, lecker! Diese etwas einseitige Speisekarte führt aber auch unweigerlich dazu, dass die Samen diesen Tieren mit einem Respekt begegnen, den wir zivilisationsgeplagten Großstädter längst vergessen haben, weil unsere Steaks und Burger nicht vom Rind, sondern aus dem Supermarkt kommen.

Im weiteren Verlauf der Sendung wird klar was das bedeutet: In einem samischen Kindergarten hantieren Kleinkinder mit Messern, die John Rambo vor Neid erblassen lassen, während ihnen die Kindergärtnerin anhand eines Rentierkopfes demonstriert wie man einen solchen häutet. Beim Anblick dieser Szenen jauchze ich ein klein wenig und möchte die ganzen Prenzl’berg-Gören inklusive ihrer Biomarktmütter zwecks Anschauungsunterricht nach Lappland schicken. Entweder sie kehren als Vegetarier zurück, oder sie wissen danach den Wert eines Schnitzels zu schätzen.
Dieser misst sich nämlich nicht an BIO-Gütesiegeln, meine lieben LPG-Muttis… die sind nur für Euer schlechtes Gewissen. Wer Fleisch und Fisch nur isst, wenn das auf dem Teller Servierte möglichst wenig an das eigentlich Tier erinnert, sollte sich ohnehin lieber eine Möhre nehmen.
Nachdem Supermärkte aber kaum etwas unversucht lassen, damit das steril verpackte und geruchsarme Zeug in ihren Kühltheken möglichst wenig Gemeinsamkeiten mit totem Tier hat, und Lappland für die meisten doch recht weiter Weg ist, empfehle ich den Besuch auf einem kleinen Bauernhof auf dem noch selbst geschlachtet und am Besten auch gewurstet wird. Großstadtkinder können stattdessen mal eine richtige Fleischerei besuchen. Mein Tipp: Bei türkischen Helal-Fleischern hängen eigentlich immer ein paar Lämmer im Kühlschrank.
Wer danach noch Fleischeslust verspürt, dem sei’s vergönnt. Der Rest kriegt ‘ne Möhre.

Aber zurück zur Flimmerkiste: Vor einigen Tagen musste ich nun feststellen, dass Kabelfernsehen anscheinend nicht im Mietvertrag unserer neuen Wohnung enthalten ist, und da ich nicht bereit bin für eine Dienstleistung zu zahlen, die größtenteils aus Schund besteht, komme ich inzwischen deutlich seltener in den Genuss dieser wundervollen Sendung. Gestern fiel mir dann jedoch in einem Anfall von Langeweile ein, dass ARTE inzwischen alle Sendung für 7 Tage online stellt. Frohlockend suchte ich mir bei ARTE+7 die aktuellste Folge “Zu Tisch in…” heraus und stellte mit Freude fest: Heimat!

“Zu Tisch auf … Kreta” erzählt vom Leben und Alltag des Kräuterhändlers Iannis Iannutsos, seiner Frau Chrissa und ihren Kindern Anna und Dimitris. Pflanzen und Gewürze, ihr Geschmack und ihre heilende Wirkung hatten Iannis schon immer fasziniert. […] Vor drei Jahren verwirklichte er seinen Traum: Im kleinen Bergdörfchen Kouses übernahm er eine alte Dorfkneipe, renovierte sie und eröffnete seinen Laden, das Kräuterparadies Botano. Während Iannis in seinem Laden Heilpflanzen verkauft, sorgt Chrissa für das leibliche Wohl der Familie: Sie kocht ein typisches Schneckengericht, brät Tomatenpuffer, Zucchiniblüten und Käsetaschen in Olivenöl.



Im Verlauf der Dokumentation wird übrigens ein knapp 100jähriger Dorfbewohner vorgestellt, der, wie Iannis bewundernd feststellt, seit den 60ern (ja, ja wir Griechen…) Rente bezieht. Die Kommentatorin betont, dass überdurchschnittlich hohes Alter auf Kreta nicht ungewöhnlich ist. Interessanterweise gab es hierzu vor Ewigkeiten einen Artikel der National Geographic, der sich auf die “Okinawa-Hundertjährigenstudie” bezieht und dabei feststellt, das es bestimmte Regionen (u.a. Okinawa, Sardinien und Kalifornien) gibt in der Menschen ein besonders hohes Alter erreichen. All diese Regionen zeichnen sich durch die selben Faktoren aus: Eine gesunde Ernährung aus regional landwirtschaftlichem (meist sogar eigenem) Anbau, eine tief verwurzelte Religiosität und ein besonders starker Familien- und Gemeinschaftssinn.
Klingt nach dem typischen Berliner, wenn ihr mich fragt… aber mal im Ernst:

Kinda makes you think whether we’re going the wrong way, don’t it?

4 Comments

  1. 04/03/2011

    Nope, I’ll have you know I’m going the right way, me! Nämlich genau in Richtung Okinawa, Sardinien und Kalifornien (exklusive L.A.). Mehr und mehr selber machen und kochen und weniger geschmacklos weichgemachtes Plastezeug kaufen.

    Efcharistó & Danke für den arte Filmtipp, ich schau mir das nachher nochmal an!

  2. DedalusRoot
    04/03/2011

    Du bist ja auch die Nachhaltigkeitskönigin, Simona! 😉

    Spaß beiseite: Ich glaube, das ist der einzig richtige Weg. Einen weiteren Vorteil, den ich derzeit bei meinen Eltern in Griechenland beobachte: Selbstversorger haben (fast) immer was zu Essen: Gemüse kommt aus dem Garten, Eier vom Nachbarn und irgendwer hat immer mal mal ein paar Fische zur Hand, die dann flugs auf dem Grill landen… interessant auch zu sehen, wie gerade in Zeiten von Wirtschaftskrise und Inflation der im Beitrag beschriebene Gemeinschaftssinn greift. Unbezahlbar!

  3. HEL_9000
    05/03/2011

    Oje, jetzt fühle ich mich aber angesprochen dedalus… you got me! Jahrelang habe ich zuviel Fleisch gegessen, stets darauf bedacht so wenig wie möglich Tier zu erahnen. (Dirk Bach nannte das mal “Sichtvegetarier”, ich WAR genau das)Ich liebe Geflügelfleisch, ein ganzes Brathuhn ist dann aber nicht so verlockend. Fisch ist lecker, liegt jedoch einen Forelle Müllerin Art auf dem Teller, so mit Kopf & Schwanz vergeht mir rasch der Appetit. Ich mag nicht so gerne an Knochen nagen und zuviel wabbelige Schwarte und mir wird übel.Da hilft auch das Bio Siegel nicht!
    Ziemlich heuchlerisch nicht wahr? Eine ziemlich perverse Verdrängung…
    Interessanterweise ist das Ganze, im Zuge der Beschäftigung mit Nahrung und wo sie herkommt/ wie sie hesgestellt wird, rückläufig! Je mehr ich mir gewahr werde was alles nötig ist, was für Dinge getan werden, damit ich ein unschuldig aussehendes Steak auf dem Teller habe, umso wertvoller wird es. Ich esse Fleisch inzwischen viel seltener und bewusst, als einen Teil eines Tieres und nach Möglichkeit eben nicht aus industrieller Massenhaltung. (Wie sehr bei uns Tiere nur Produkte sind erschüttert stets auf’s neue) Neulich ertappte ich mich, statt der Fischdose eine ganze Makrele in der Hand haltend, bei dem Gedanken sie mitzunehmen und selbst zu zerlegen… vor einiger Zeit noch undenkbar! So läuft er denn langsam los, der Paradigmenwechsel! Mal sehen wann ich das erste Mal auf einem Hof hinter meinem eigenen Abenessen her renne… 😉

    Gruß

    HEL

  4. DedalusRoot
    06/03/2011

    Ich weiß, was Du meinst, HEL..

    Nachdem meine Großeltern einen kleinen Hof mit Schafen hatten, habe ich bereits in sehr jungen Jahren eine Verbindung zwischen kleinen süßen Lämmchen und verdammt leckeren Lammkotelettes vermutet. Außerdem hat meine Großmutter, schmerzfrei wie sie war, sehr schnell gezeigt, wie man einem Huhn den Hals umdreht, es ausnimmt und rupft. Daher war für mich der Bezug von Fleisch zu lebenden Wesen immer präsent.

    Gerade bei Fisch würde ich immer zum ganzen Tier tendieren, weil ich so anhand der Augen und der Kiemen sehen kann wie frisch der überhaupt noch ist. Und die Möglichkeiten der Zubereitung sind so viel vielfältiger. Einen ganzen Fisch kann man wunderbar füllen, gleichen gilt für Hähnchen (Tipp: das Federvieh mit Zitronen und Salbei füllen!).

    Und jetzt kommt der Clou: Je mehr ich mich mit der Qualität meines Essens beschäftige, desto mehr weiß ich Fleisch zu schätzen und desto seltener (ca. 1-2mal die Woche) esse ich Fleisch. Das Resultat: Ich bin inzwischen viel kreativer und bei der Zubereitung vegetarischer Gerichte und probiere viel mehr aus!

    Ist also in jeder Hinsicht eine Win-Win-Situation! 😉

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