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5th April
2011
written by DedalusRoot

Im April 1994 war ich 15 Jahre alt und ein typischer Teenager der Mittneunziger:
zerschlissene Jeans, die an strategischen Punkten mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden, ausgewaschene T-Shirts auf die ich mit Mutters Chlorbleiche eigene Slogans und Logos geschmiert hatte und natürlich die obligatorischen, viel zu weiten karierten Flanellhemden, von denen ich stellenweise zwei übereinander trug. Meine Haare hatten damals endlich Ihre gewünschte Länge erreicht und fielen mir in wirren Strähnen bis auf die Schultern. Meine Freunde, damals Brüder und Schwestern im Geiste, heute bestenfalls entfernte Bekannte, waren das dicke Mädchen mit den violetten Haaren und den Nasenringen, dass sich die Unterarme ritzte, der viele zu dünne Junge aus der Nachbarklasse, der kaum ein Wort sagte, sich aber auf der Tanzfläche in einen wütenden Derwisch verwandelte, der nur aus Stiefeln und Fäusten bestand und all die anderen Ausgestoßenen, die keinen Platz mehr in der Riege der Schönen und Beliebten gefunden hatten:
Ein Breakfast Club ohne Emilio Estevez und Molly Ringwald

Hübsch anzusehen war er wirklich nicht, dieser Haufen wütender, alleingelassener Kinder, die versuchten ihrer Angst und Verzweiflung ein passendes Gesicht zu geben. Wir waren in dem Glauben aufgezogen worden, alles erreichen zu können, was wir wollten, und nun standen wir an der Schwelle zum Erwachsensein und scheiterten bereits daran. Und während unsere Eltern nach Antworten gesucht und ihre eigenen Schlachten geschlagen hatten, waren sie, zumindest in unseren Augen, gescheitert. Mit der Gewissheit vor Augen, das nichts wirklich von Bedeutung war, reagierten wir mit Zynismus auf das Gefühl ungewollt und missverstanden zu sein.

Kurt Cobain gab diesem Gefühl ein Gesicht und eine Stimme. Natürlich gab es neben ihm Eddie Vedder oder Billy Corgan, aber niemand vertrat das Lebensgefühl des Grunge so sehr wie diese fragile Gestalt mit den flehenden Augen, die sich stellvertretend für uns die Angst und Wut aus dem Leib schrie und sich selbst zerstörte.

Am 05. April 1994 starb Kurt Cobain in Folge einer dreifachen Überdosis Heroin und eines Kopfschusses aus einer Schrotflinte. Er hinterließ eine für den Grunge nicht zu füllende Leere.
Genau wie alle anderen wurde er nur 27 Jahre alt.

Cobain hinterließ einen Abschiedsbrief, der mit den Worten „It’s better to burn out than to fade away“ endete, von denen ich damals noch nicht wusste, dass sie aus der Feder von Neil Young stammten:



2 Comments

  1. Alice Gabathuler
    08/04/2011

    Es gibt ihn heute noch, diesen Breakfast Club. Er sieht anders aus, zieht sich anders an, aber in den Augen liegt derselbe Ausdruck.

  2. DedalusRoot
    08/04/2011

    Ich glaube es ist das Schicksal jeder Generation von Teenagern Wut, Verzweiflung und Sehnsucht als alleiniges Vorrecht für sich zu beanspruchen, um sich von vorangegangenen Generationen abzugrenzen. Aber natürlich gibt es in jeder Generation einen Breakfast Club….

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