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12th May
2011
written by DedalusRoot

Meanwhile in a secret room…

Vor einigen Tagen erreichte mich die Klage eines Bekannten, der sich übers Wochenende The Force Unleashed II ausgeliehen und innerhalb eines Wochenendes durchgespielt hatte. Lauthals beschwerte er sich, dass ein aktuelles Spiel im Wert von 60-70 € inzwischen gerade mal eine Spielzeit von nicht einmal 48 Stunden bescherte, was ein völlig inakzeptables Verhältnis von Preis zu Spielspaß darstelle.

Unwillkürlich musste ich an die frühen Neunziger denken, als ich einem Nerd noch zum Verwechseln ähnlich sah und meine Laufbahn als passionierter Zocker gerade startete. Ich hatte gerade meine erste Brille erhalten, die laut Verkäuferin “frech und peppig”, tatsächlich aber einfach nur dämlich aussah und jedem Rowdy auf dem Schulhof “Schlag mich!” zuzurufen schien. Mein Körper produzierte Hormone in einem mir bis dahin völlig unbekannten Ausmaß, die Akne spross, und durch den ersten Wachstumsschub erweckte ich den Eindruck zu 90% aus Gliedmaßen zu bestehen, die zu allem Überfluss viel zu viele Gelenke zu haben schienen.
Kurz: Es war genau der richtige Zeitpunkt um für einige Jahre hinter dem Monitor eines Computers zu verschwinden.

Den gleichen Gedanken mussten meine Eltern gehabt haben, denn ungefähr zu dieser Zeit bekam ich endlich meinen ersten Computer und war fortan stolzer Besitzer eines AMIGA 500!
Meine Eltern unterlagen damals der Fehleinschätzung, ich würde dieses Wunderwerk der Technik mit seinen sagenhaften 1 Megabyte (mit Speichererweiterung!) Arbeitsspeicher tatsächlich zum Arbeiten und Programmieren nutzen, ich hingegen hatte mit diesem  Traumkasten nur eines im Sinn: Zocken!!

Auf den Schulhöfen kursierten damals Listen raubkopierter Spiele auf denen man lediglich die gewünschten Spiele ankreuzte und einige Tage später gegen ein kleines Entgelt einen Stapel Disketten in die vor Aufregung verschwitzten Hände gedrückt bekam. Plötzlich waren Namen wie Quartex, Paranoimia und Skid Row ein Begriff und wir zogen uns die neuesten Demos ebenso begierig rein, wie die neuesten Spiele. Meine ersten Brocken Englisch verdanke ich rückblickend nicht der Schulbank, sondern dem grauenhaft pixeligen Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards, dass damals noch keine Point&Click-Befehle, sondern lediglich eine Eingabe via Tastatur kannte. Und so saßen wir, mit einem Wörterbuch bewaffnet, vor dem Bildschirm und versuchten das richtige Wort zu finden um Larry dazu zu bewegen dem indischen (oder pakistanischen?) Besitzer eines Gemischwarenladens Kondome abzukaufen… Kein Lehrer dieser Welt hätte damals geschafft, was Larry fertigbrachte, nämlich mich zum aufschlagen eines Wörterbuchs zu bewegen.

Ebenso gut kann ich mich an das erste Computerspiel erinnern, auf das ich zu Recht stolz bin, es durchgespielt zu haben: Zak McKracken and the Alien Mindbenders. Gemeinsam mit dem zwei Jahre älteren Nachbarsjungen saßen wir jeden verdammten Nachmittag vor der Maschine, tranken heimlich Bacardi Cola (den Bacardi hatte er in seinem Bücherregal hinter einer reihe Lustiger Taschenbücher versteckt) und mühten uns mit der verqueren Logik des Spiels, dem Kopierschutz und der nicht immer funktionierenden Speicherdiskette ab, bis wir es endlich geschafft hatten alle drei Kristalle zu beschaffen und das Spiel in der Cheops-Pyramide abzuschließen. Wie oft wir im Verlauf der Spielzeit in der vermaledeiten Verdummungsmaschine der Aliens landeten, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, aber ich weiß bis heute, dass Zaks Goldfisch “Sushi” hieß und es keine gute Idee war, den Müllschlucker anzuschmeißen, solange Sushi in der Spüle schwamm. Ebenso erinnere ich mich an Franzosenweißbrot, das härter war als jeder Beton und an jenen furchtbaren Moment in Tibet, der jene ereilte, die zu Beginn des Spiels das zweiköpfige Eichhörnchen töteten.

Selbst später, als wir schon studierten oder arbeiteten und alle schon X-Boxen, Playstations und richtige PCs besaßen, gab es jene magischen Momente in denen wir den Amiga-Emulator anschmissen, unsere alten Competition Pro mittels eines selbst gebastelten Adapters an die PS2-Schnittstelle des Rechners anschlossen und den ganzen Abend nichts anderes taten als Speedball 2 oder Chaos Engine zu zocken, obwohl die Starcrafts und Quakes auf unseren Schreibtischen lagen. Irgendwas an diesen Spielen reizte uns mehr als jede 3D-Grafik und jede noch so detailiert gerenderte Explosion. Die alten Spiele hatten einen Charme, den wir bei neueren, “besseren” Spielen vermissten. Vielleicht war es auch nur die Erinnerung an bessere Zeiten, die uns diesen Eindruck vermittelte, aber ich glaube bis heute, dass die alten Klassiker in punkto “Spielspaß pro Megabyte”  bis heute ungeschlagen sind…

Und da ich vor kurzem entdeckt habe, dass es den UAE Amiga Emulator, den ich bisher nur vom PC kannte, inzwischen auch in einer Version für Android gibt, werde ich in den nächsten Tagen mal ausprobieren, wie sich Cannonfodder auf dem HTC Desire spielt…

3 Comments

  1. 12/05/2011

    Ersetze Amiga durch Atari 2600 sowie C64 und unterschreibe so, allerdings ohne Bacardi, dafür mit mehr als einem Nachbarsjungen. Meist war die ganze Straße da, vor allem bei endlosen Summer-Games- und Winter-Games-Orgien.

    Nehme allerdings an, dass der Amiga nicht so häufig einen Load Error hatte wie der C64, welchen er natürlich erst nach endlosen Minuten des Ladens verriet. Man hat damals viel durch die Gegend gestarrt.

  2. DedalusRoot
    12/05/2011

    Wir waren auch immer ‘ne ganze Bande, die beisammen saßen und Bundesliga Manager (damals noch ohne Pro!) spielten…
    Das Problem mit den Ladefehlern hatte der Amiga auch. Man lauschte minutenlang dem Rattern des Laufwerks und wenn es mal für ein paar Sekunden schwieg, machte das Herz einen kurzen Sprung, weil man das Schlimmste befürchtete. 😉
    Stichwort: Guru Meditation

  3. […] 1990 erscheint Speedball 2: Brutal Deluxe: Das schnelle, simple Gameplay des Vorgängers wird beibehalten und um einige zusätzliche Features wie Multiplikatoren, Banden und Power-Ups erweitert. Das Spielfeld ist deutlich größer geworden und die Mannschaftsgröße wurde auf neun Spieler erhöht. Darüber hinaus wartet SB2 mit einer (für 1990) aufgemotzten Grafik und Wahnsinnssound auf. Das Prinzip von “Auf die Fresse” erreicht eine neue Dimension: Ein Klassiker der Computerspielgeschichte ist geboren! Seither kann ich mich kann keinen Zeitpunkt erinnern, an dem ich nicht Speedball gespielt habe. Zunächst auf dem Amiga, später dann, als der Amiga das Zeitliche gesegnet hatte, mit Hilfe von WinUAE direkt auf einem PC, an dem wir mittels eines zusammen gefriemelten Adapters die ursprünglichen Competition Pro Joysticks angeschlossen hatten (ich berichtete). […]

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