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29th June
2011
written by DedalusRoot

 

Quelle: www.tokyohive.com

 

Aimi Eguchi ist der neueste Zugang der japanischen Band AKB48, einer riesigen gecasteten Theater- und Popgruppe, die aus inzwischen 58 Mitgliedern besteht. AKB48 ist eine Abkürzug des Tokyoter Stadtteils Akihabara, dem Otaku-Mekka, in dem die Band ein eigenes Theater besitzt und beinahe täglich auftritt. Die von Yasushi Akimoto produzierte Musik ist zuckersüß und die Mitglieder der Band, die optisch jedes bestehende Klischee erfüllen, sehen exakt so aus, wie die Musik klingt: Kawaii!! Aber die Mädels sind mehr als das, was wir als Popsternchen kennen: Als Aidoru oder auch Idoru (japanische Verballhornung des englischen Idol) sind die Mädchen fester Bestandteil der japanischen Popkultur (gegen die unsere ungefähr so spannend und bunt wirkt wie die ZDF-Hitparade mit Dieter-Thomas Heck). Idoru haben in Japan eine lange Geschichte und verkörpern über ihren Status als Sängerinnen, Schauspielerinnen und Werbeträger hinaus so etwas wie das Idealbild der japanischen Frau (auch hier gilt: Kawaii!!) und bieten natürlich Projektionsflächen für die Träume tausender pubertierender Teenager…

Idoru sind nicht im eigentlichen Sinne reale Personen. Jede Facette Ihres Auftretens und ihrer Persönlichkeit vom Sternzeichen bis hin zur Lieblingsfarbe ist geplant und auf einen potentiellen Markt abgestimmt. Das gilt auch für Aimi Eguchi. Allerdings mit einem kleinen Unterschied: Aimi Eguchi ist weniger real als ihre Kolleginnen. Ähnlich wie Rei Toei in William Gibsons Science-Fiction Roman Idoru, handelt es sich bei Aimi um eine virtuelle Person, eine vollanimierte CG-Animation, der am Rechner Leben eingehaucht wurde: Ein virtuelles Idol.

Auch das ist prinzipiell nicht so neu, wie man denken könnte:  Schon 1996, knapp fünf Jahre bevor die Gorillaz ihr erstes Album veröffentlichen, und nur knappe vier Jahre nach Gibsons Roman, erschien in Form von Kyoko Date das erste “Cyberidol” oder “virtuelle Idol”. Aimi Eguchi, die zu 100% aus den Gesichtszügen der anderen Bandmitglieder erschaffen wurde, ist somit nur der nächste Schritt in der Evolution japanischer Popkultur:

Inwieweit man das Phänomen nun gruselig oder faszinierend findet, möchte ich eigentlich nicht beurteilen. Ich für meinen Teil finde Aimi nicht weniger gruselig als Hannah Montana oder die aufgetakelten Kinder im Alter von acht Jahren, die von geltungssüchtigen Eltern auf Schönheitswettbewerbe geschleppt werden. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist Aimi nicht weniger real als jede andere uns vorgesetzte Kunstfigur, die uns etwas verkauft oder verspricht. Im Gegensatz zu ihren Vorbildern aus Fleisch und Blut läuft sie jedoch nicht Gefahr an Ihrem Ruhm zu zerbrechen, im Drogensumpf zu versinken oder ungewollt schwanger zu werden. Ein unschätzbarer Vorteil für eine Branche, die davon lebt, uns eine heile, längst nicht mehr existente Welt, vorzugaukeln. Und wenn es in Zukunft heißt “No real people had to pretend during the shoot of this commercial”, dann hätte ich damit wahrscheinlich kein Problem…

 

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