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24th October
2011
written by DedalusRoot

 

Die altehrwürdige Tradition des All Hallow’s Read, derzufolge sich Menschen am Vorabend von Allerheiligen gruselige Bücher schenken, findet Ihren Ursprung im keltischen Feiertag Samhain. Dieser Tag markierte das Ende des Sommers sowie das Neujahrfest des keltischen Kalenders und wurde in jenen Zeiten mit rauschenden Festen und Funkenfeuern begangen. Nach keltischem Glauben stand über die Dauer des Festes die Tür zur „Anderswelt”, der Welt der vorübergehend abgeschiedenen Toten, offen, so dass die Ahnen ihren lebenden Verwandten nächtliche Besuche abstatten und ihnen damit Glück bringen konnten.
Später, als christlicher Aberglaube heidnische Traditionen zu verdrängen begann, verbreitete sich die Vorstellung, dass jene Vertreter der Anderswelt keine wohlgesinnten Geister, sondern missgünstige, bösartige Wesen seien, welche die Welt der Lebenden neidisch beobachteten und ihren Bewohnern nach dem Leben trachteten. Die Bewohner der Anderswelt, ihrerseits erbost darüber an diesem vormals ihnen gewidmeten Tag aus dem Leben ihrer Verwandten ausgeschlossen zu sein, reagierten mit eben jenem Verhalten, dass man ihnen unbegründeterweise unterstellte: Sie wurden verbittert, missgünstig und rachsüchtig.
So begab es sich schließlich, dass insbesondere gläubige und furchtsame Menschen an jenem Tag, da der Schleier, der beide Welten trennte, besonders dünn war, Ihre Türen aus Angst vor Wiedergängern und Untoten verriegelten und es sich bei einem Heißgetränk (die Faktenlage ist an dieser Stelle unklar: Einige Quellen berichten von schwerem, heißen Gewürzwein, andere von kakaohaltigen Heißgetränken mit Schaumzuckereinlage) am Kamin gemütlich machten, um sich Schauergeschichten von lebenden Toten und garstigen Kobolden zu erzählen, während draußen in den Mooren und Wäldern die Geister der Verstorbenen ihr Unheil trieben und wehklagten.

Einen äußerst bemerkenswerten Vorfall, der vorzüglich illustriert, welche Rolle ein gutes Buch bei der Abwehr von Unholden und Schattenwesen jeglicher Art spielen kann, dokumentiert der Orden der schmökernden Schwestern von Sussex:
Die Chroniken des Ordens berichten von einem äußerst hartnäckigen Fall untoter Heimsuchung im Raum der Grafschaft East Sussex und erzählt die Geschichte eines glücklich verwitweten Bibliothekaren aus Wilmington, der Jahr um Jahr vom erwachten Leichnam seiner verstorbenen und über das Grab hinaus tyrannischen Gattin heimgesucht wurde. In der Nacht des 31. Oktobers 1923 schließlich, beinahe 13 Jahre nach dem Tod des herrischen Weibsbilds, fasste sich der alternde Bibliothekar schließlich ein Herz, nahm all seinen Mut zusammen und wanderte, eine besonders opulente Ausgabe der gesammelten Werke des großen Dichters W.B. Yeats unter dem Arm, zur Familiengruft, in der seine verstorbene Frau ruhte. Mit Hilfe eines alten, verwitterten Grabsteins, den er sich, nicht ohne sich zu entschuldigen und unter größter körperlicher Anstrengung, von einem der umliegenden und inzwischen namenlosen Gräbern lieh, verbarrikadierte er zunächst die Tür. Sodann ließ er sich auf einem mitgebrachten Schemel nieder, packte ein sorgfältig eingewickeltes Gurkensandwich und eine Thermoskanne mit Tee aus und wartete. Kaum war die Sonne untergangen, da ertönte das wütende Keifen des untoten Weibs, das sich, nach einigen vergeblichen Versuchen die verschlossene Tür zu öffnen, in der Gruft eingesperrt fand und darüber wenig erfreut schien.
Sie käme frei, versprach der alte Mann, und dürfte ihn zukünftig Jahr um Jahr heimsuchen und nach Herzenslust spuken, wenn ihr danach beliebte, doch in diesem Jahr sei es an ihm sie mit den von ihr zu Lebzeiten so verhassten Büchern heimzusuchen. Er schlug den mitgebrachten Wälzer auf, nahm einem tiefen Schluck des mitgebrachten Tees und begann mit der tiefen und ruhigen Stimme eines erfahreren Erzählers das erste von unzähligen Gedichten seines Lieblingsdichters  zu rezitieren:

„Hätt ich des Himmels bestickte Kleider,
Durchwirkt mit goldnem und silbernem Licht,
Die blauen, matten und dunklen Kleider,
Der Nacht, des Tages und des halben Lichts,
Ich legte sie zu deinen Füßen aus:
Doch ich bin arm, hab nur meine Träume,
Die legte ich zu deinen Füßen aus,
Tritt sanft, du trittst auf meine Träume.“

Als der alte Bibliothekar schließlich kurz vor Sonnenaufgang die letzten Zeilen vortragen hatte, der Tee war schon lange erkaltet und das Gurkensandwich gegessen, vernahm er aus dem Inneren der Gruft ein leises Schluchzen. Verdutzt entfernte er den Grabstein von der Tür und blickte in das bleiche und modernde Gesicht seiner verstorbenen Gattin, der grünliche gallige Tränen der Rührung über die eingefallenen Wangen rollten.  Mit tiefer, schnarrender Stimme, versprach Sie ihm nie mehr zu spuken, wenn er sich seinerseits verpflichtete sie jedes Jahr an Hallowe’en zu besuchen, um ihr aus einem seiner geliebten Bücher vorzulesen und Ihre Einsamkeit zu lindern.
Seit dieser Nacht sah man den alternden Bibliothekar Jahr um Jahr mit einem Buch zur Gruft seiner Frau wandern, um dort sich dort mit einer heißen Tasse Tee niederzulassen und, so scheint es, zu sich selbst zu lesen…

Der Autor Neil Gaiman gibt vor die Tradition des All Hallow’s Read vor einigen Jahren selbst erdacht zu haben, wobei diese Aussage aufgrund der vorliegenden historischen Quellen in höchstem Maße unglaubwürdig scheint.

Wie dem auch sei: Verschenkt zu Hallowe’en ein gruseliges Buch. Einfach so. Schenkt Kindern gruselige Kinderbücher, schenkt Erwachsenen ein Buch, dass ihnen Gänsehaut beschert und ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Egal ob druckfrisch oder alt und abgwetzt, ob Lieblingsbuch oder unbekanntes Fundstück. Lasst Euch vom Buchhändler Eures Vertrauens oder einem Bibliotheksangestellten beraten. Aber schenkt jemandem ein gruseliges Buch. Zu Hallowe’en. Es könnte ein großartige Tradition werden.

Danke, Mr. Gaiman!

 

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