Main image
23rd February
2012
written by DedalusRoot

“Μαζί τα φάγαμε!” (Wir ‘alle’ haben das Geld verjuxt!)
– Der Abgeordnete Theodoros Pangalos auf die Frage griechischer Journalisten, was die Regierung mit all dem Geld getan habe.

So sind wir Griechen… jahrelang lebten wir wie die Made im Speck, haben uns seit unserem ermogelten Beitritt zur EU an den reichhaltigen Subventionen und günstig zu vergebenden Krediten der anderen Mitgliedstaaten gütlich getan und mit deren Steuergeldern Häuser gebaut und Autos gekauft. Nun ist es also an der Zeit den Gürtel etwas enger zu schnallen. Das ist ungewohnt. Zu unserer Verteidigung muss man sagen, dass dem Griechen “die Kultur der Stabilität und die Fähigkeit zur Disziplin” schlichweg abgehen (Giannos Papantoniou, Finanzminister bis 2004). Der Deutsche hingegen kam nach dem Krieg gar nicht umhin sich auf diese Tugenden zu besinnen, schließlich galt es ein Land, dass sich am Boden befand, gänzlich ohne fremde Hilfe wieder aufzubauen. Und nun soll also der brave deutsche Michel die Rechnung für die Maßlosigkeit der spätgriechischen Dekadenz zahlen, während Kosta die Zeche prellt und sich weiterhin an lecker Souvlaki und Ouzo gütlich tut.

Soviel zunächst zur Bedienung tumber, rassistischer Klischees, die ich im Verlauf der vergangenen Monate so lieb gewonnen habe. Um die soll es hier aber ausnahmsweise mal nicht gehen…

Gestern nämlich entdeckte ich auf der Pinnwand der von mir hochgeschätzten Mme van Cronenburg den Link auf einen kleinen Artikel der neuseeländischen NZ Herald, die berichtete in welchem Ausmaß Deutschland und Frankreich von griechischen Rüstungsimporten profitierten, und wie beide Staaten trotz rigider Sparmaßnahmen in anderen Bereichen weiterhin auf eine Einhaltung der beschlossenen Waffenkäufe pochten…

Im Verlauf der sich entspinnenden Diskussion beging ich den Fehler und erwähnte die in Griechenland weitläufig bekannte und populäre Behauptung,  dass die Vergabe von Krediten an Griechenland bereits in der Vergangenheit an den Import neuer Panzer und Kampfflieger gebunden war. Eigentlich unterscheidet sich dieses Verhalten kaum von der geschäftsüblichen Praxis diverser Finanzdienstleister, weniger betuchten Antragstellern bei der Vergabe von Privatkrediten den Kauf anderer Produkte aus dem eigenen Portfolio nahezulegen (bei der ehemaligen Dresdner Bank waren z.B. Lebensversicherungen der Allianz äußerst beliebt), damit der Erteilung des Kredits zugestimmt werden kann. Natürlich mit dem einzigen Unterschied, dass die Lebensversicherung im Falle Griechenlands die Form von Leopard-Panzern und Eurofighter annimmt.

Wie erwartet wurde diese Behauptung umgehend als Verschwörungstheorie zurückgewiesen, so dass der faule Grieche zur Abwechslung mal arbeiten und nach Belegen für seine dreisten Unterstellungen suchen musste, die ihm jeder Grieche ohne mit der Wimper zu zucken abgekauft kätte (Ja, wir trauen unserer Politikerkaste von Korruption bis Vetternwirtschaft so ziemlich alles zu. Auch das unterscheidet uns von den Deutschen, deren Politiker rechtschaffen, ehrlich und aufrichtig sind).

Gefunden habe ich Debtocracy, einen Dokumentarfilm aus 2011 über die griechische Schuldenkrise, den ich bisher noch nicht kannte. Die Journalisten Katerina Kitidi und Aris Chatzistefanou schildern darin nicht nur die Geschichte der Krise, sondern stellen sich auch die oft vernachlässigte Frage nach Schuld und Verantwortung.

Interessanterweise findet sich ab Minute 59:00 der Dokumentation die folgende Aussage von Sahra Wagenknecht: “Dass Deutschland gerade ausgehandelt hat, dass Griechenland unterstützt wird, vor einem Jahr, war ja eine der Grundbedingungen, dass auf jeden Fall die Importe von deutschen Rüstungsgütern nicht minimiert werden.  Also Griechenland sollte sparen, sollte die Pensionen zusammenstreichen, sollte den Leuten alles aus der Tasche ziehen, aber die Rüstungsimporte sollten weiter finanziert werden.”

Direkt im Anschluss folgt ein Auszug der Rede, die der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit am 05.05.2010 vor dem Europäischen Parlament gehalten hatte, und in der er, unter anderem, die Rüstungspolitik Griechenlands kritisierte und versuchte die Verantwortung Deutschlands und Frankreichs herauszustellen. Interessant finde ich hierbei nicht die Rage des roten Dany, der für sein Temperament bekannt ist, sondern die gelangweilten Gesichter auf den spärlich belegten Sitzen des Parlaments. “Erzähl uns was Neues, Dany…”

Ein paar Tage später kommt Cohn-Bendit im FOCUS zur Rede und spricht klar und deutlich von Erpressung: “Das heillos verschuldete Griechenland […] habe Rüstungsverträge im Umfang von mehreren Milliarden Euro bestätigen müssen, sagte der Grünen-Politiker. Als Gegenleistung für die europäischen Kredite müsse die griechische Regierung ‘französische Fregatten für 2,5 Milliarden Euro, Hubschrauber, Flugzeuge und deutsche U-Boote’ kaufen”. [Quelle: Focus]

Natürlich sind Aussagen zweier linken Agigatoren und Populisten keine Beweise. Ein hieb- und stichfester Beleg dafür, dass die finanzielle Unterstützung eines am Abgrund befindlichen Landes tatsächlich an Rüstungsimporte geknüpft wird, wird sich bedauerlicherweise auch nicht finden lassen. Denn weder haben die Gläubiger ein Interesse daran, die damit die unterstellte Erpressung einzugestehen, noch werden es die Griechen riskieren Ihre Gläubiger oder die Troika aus EZB, IWF und EU-Kommision zu verprellen.

Nichtsdestotrotz muss man sich fragen, wie es im Rahmen des IWF-Memorandums vertretbar ist, dass ein maroder Staat am Rande der Insolvenz Pensionen und Gehälter kürzt, Steuern in allen Bereichen erhöht oder neue einführt und seine Bürger an den Rand der Armutsgrenze und darüber hinaus führt, ohne dass ein Rüstungsetat von beinahe 7 Milliarden Euro (Stand 2010) von diesen Kürzungen betroffen ist. Natürlich sind die regelmäßigen Verletzungen des griechischen Luftraums durch türkische Kampfflugzeuge ein gern gesehener Vorwand. Tatsächlich, und das ist umso trauriger, geht es aber auch darum “die europäischen Außengrenzen gegen die Migrantenströme aus Nordafrika und Asien zu sichern” (Dimitris Droutsas, griechischer Außenminister bis 2011). Somit werden mit dem exorbitanten Rüstungsetat Griechenlands nicht nur wirtschaftliche, sondern auch zuwanderungspolitische Interessen der EU-Staaten gesichert. Auch in diesem Fall profitieren hiervon mehrheitlich die Wirtschaftsmächte Frankreich und Deutschland, denn wer bitte möchte derzeit in Griechenland, Spanien oder Italien einwandern…

Rückblickend kann ich Herrn Pangalos tatsächlich nur zustimmen, wenn er sagt, dass wir alle das Geld verjuxt haben, sprich an dieser Krise Schuld tragen.
Die Rechnung zahlt nach derzeitigen Stand aber vor allem das griechische Volk… und ich bin gespannt, wie lange es sich das noch gefallen lässt.


Links und Quellen zum Thema:

3 Comments

  1. 18/03/2012

    Du hast so recht!
    Aus dem Volkder Dichter und Denker, was wir Deutschen mal gewesen sein sollen, ist ein Volk von Vollidioten geworden!
    Denken abgestellt und nur noch bis zum Tellerrand kucken können gilt hier als chique. Dagegen war meine gute alte DDR der Hort der Intelligenz und des Nachdenkens. Schöne neue Welt! Ich hoffe nur die Griechen verzeihen den Deutschen ihre Dummheit und machen nicht denselben Fehler wie die Deutschen grad, nämlich zu glauben alle Deutschen wären Dummköpfe.
    Eine grosse Flasche Ouzo für meine guuuten Freunde!

  2. 27/05/2012

    ich bin zerrissen und hilflos wenn’s um das thema geht…
    …unschuldig angeklagt…
    …und nach dem text fühl ich mich grad doppelt sch…!

    …aber schöner Kommentar…:-)

    liebe grüße aus freiburg
    nico

  3. thomas
    05/07/2015

    Das Problem in Griechenland ist nicht die Faulhaut der Menschen, sondern die Unfähigkeit der Menschen, sich gegen ihre korrupten Politiker zu wehren, und die Situation, dass es eben in vielen Gegenden Menschen gibt, die gar kein Interesse an Volkswirtschaft, an Funktion eines Staats haben können. Weil Griechenland eben nur in knapp 2 großen Städten wichtige Universitäten hat – ansonsten leben die Leute auf dem Land und haben ihre Landwirtschaft. Viele Griechen, die in den 60er Jahren aus Nordgriechenland nach Deutschland kamen, gingen vermutlich nicht einmal in die Schule. Ich möchte hierzu etwas wichtiges zitieren: Ich war selbst einmal 2000 in Griechenland; eine Griechin teilte mir mit : ” Weißt Du, in Griechenland gibt es viel Inzucht. Griechen sind duuummm!”. (Keine Lüge, Original Zitat von einer Frau, die mehrere Jahrzehnte in Deutschland gewohnt und gearbeitet hat). Wenn mir das eine Griechin sagt, die die Militärdiktatur miterlebt hat, die Drachme, dann denke ich, es wird Zeit, dass Griechenland vor allen Dingen mehr in die Bildung investiert, denn dann wird sich das Volk auch gegen korrupte Politiker wehren.

Leave a Reply

Warnung!

Widerstand

l