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6th March
2012
written by DedalusRoot

Wer Ende der Achtziger einen Amiga hatte, kam um den Namen Bitmap Brothers kaum herum. Immerhin verdanken wir den englischen Brüdern Klassiker wie Xenon, Chaos Engine, Z und eines der besten Spiele aus der Kategorie “Spielspaß pro Megabyte”: Speedball. Der nach Jugger und Rollerball wohl brutalste Sport der nahen Zukunft, ist schnell erklärt: Zwei Teams treten in einer futuristischen Mischung aus Handball und Kneipenschlägerei gegeneinander an und versuchen in zwei Halbzeiten mehr Punkte zu erzielen als der jeweilige Gegner. Erlaubt ist dabei bis auf den Gebrauch von taktischen Marschflugkörpern so gut wie alles. Es spricht somit nichts dagegen den gegnerischen Torwart mit einem gezielten Fausthieb oder Tritt zu Boden zu strecken, um dann den kleinen, metallischen Ball über seinen leblosen Körper hinweg ins Tor zu befördern. Und genau wie im echten Leben wird diese Brutalität und Rücksichtslosigkeit natürlich belohnt: Wird ein gegnerischer Spieler oft genug mit den nietenbesetzten Handschuhen und Stahlkappen traktiert, muss er früher oder später von unglaublich putzig anmutenden Ambulanz-Robotern vom Spielfeld getragen werden, während dem Gegner für diese Tätlichkeit Punkte zugeschrieben werden. Gegnerische Spieler krankenhausreif zu prügeln ist somit nicht nur erlaubt, sondern, dem Johlen des Publikums nach zu urteilen, auch ausdrücklich erwünscht.
Zusätzliche Tiefe gewinnt dieses Kleinod aus dem Neolithikum der Computerspiele dadurch, dass man seine Spieler zwischen den einzelnen Matches einer Saison mit Hilfe gesammelter Credits aufgerüsten kann. Während solche Verbesserungen in gängigen Fußballsimulatoren mit schnödem Training erklärt wurden, stellte ich mir mit meinen zarten 13 Jahren vor, wie meine Truppe gewaltbereiter Spitzensportler bionische Gliedmaßen verpasst bekam und mithilfe diverser, sicherlich illegaler, Anabolika dermaßen aufgeputscht wurde, dass jeder NFL Linebacker einen respektvollen Bogen um die Jungs machte…

Wir schreiben das Jahr 2095: Korruption und Gewalt zwingen die einst beliebte Sportart in den Untergrund. Unreguliert und ohne jeglich Kontrolle artet das Spiel aus.
Das Jahr 2100: In einem Versuch die alte Popularität wiederzuerlangen, wird der Sport reorganisiert. Speedball 2 ist geboren.
Fünf Jahre später wird ein neues Team gegründet: Brutal Deluxe.

1990 erscheint Speedball 2: Brutal Deluxe: Das schnelle, simple Gameplay des Vorgängers wird beibehalten und um einige zusätzliche Features wie Multiplikatoren, Banden und Power-Ups erweitert. Das Spielfeld ist deutlich größer geworden und die Mannschaftsgröße wurde auf neun Spieler erhöht. Darüber hinaus wartet SB2 mit einer (für 1990) aufgemotzten Grafik und Wahnsinnssound auf. Das Prinzip von “Auf die Fresse” erreicht eine neue Dimension: Ein Klassiker der Computerspielgeschichte ist geboren!
Seither kann ich mich kann keinen Zeitpunkt erinnern, an dem ich nicht Speedball gespielt habe. Zunächst auf dem Amiga, später dann, als der Amiga das Zeitliche gesegnet hatte, mit Hilfe von WinUAE direkt auf einem PC, an dem wir mittels eines zusammen gefriemelten Adapters die ursprünglichen Competition Pro Joysticks angeschlossen hatten (ich berichtete).

Ein lange Zeit tat sich nichts, bis uns irgendwann 2007 die Meldung erreichte, dass es ein Remake des Klassikers für den PC geben sollte: Speedball 2 Tournament weckte in meinem Bekanntenkreis große Hoffnungen auf einen ebenbürtigen Nachfolger, so dass binnen kurzer Zeit alte Joysticks wurden hervorgekramt und die aktuelle Hardware auf Kompatibilität getestet wurde. Das Spiel enttäuschte aber trotz Half-Life 2 Engine in punkto Umsetzung und leider auch Spielspaß auf ganzer Linie. Die Steuerung war ungenau, das Spiel selbst auch nach den ersten Patches noch voller Bugs, kurz: von einem schnellen direkten Spiel konnte nicht die Rede sein, so dass das ursprünglich Speedball-Feeling irgendwie nicht aufkommen wollte… der Mist wurde schneller eingemottet, als Steam für den Download gebraucht hatte, und der altbewährte AMIGA-Emulator samt Competition Pro wurde wieder ausgepackt.

Bis jetzt… seit Anfang 2011 gibt es Speedball 2 Evolution, kein neues Spiel oder ein Remake, sondern eine aufpolierte Version des altbewährten 1990er Spiels, die für iOS, Android und einige Zeit später auch für die PSP erschien. Kurz entschlossen schmiss ich gestern Abend das Playstation Network an, musste natürlich prompt erstmal ein neues Passwort anfordern und eine Systemaktualisierung meiner etwas angestaubten PSP durchführen. Aber dann…
Tatsächlich  wurde an Spielprinzip und Optik so gut wie nichts verändert. Die Grafik wurde ein bisschen aufpoliert, der Sound den Hörgewohnheiten des 21. Jahrhunderts angepasst und ein großes Manko des Originals wurde ausgebügelt, indem die Laufzeit im Karrieremodus auf 10 Jahre verlängert wurde. Ansonsten handelt es sich um eine 1 zu 1 Umsetzung des alten Klassikers von 1990.  Genau wie im Original hört man bei Spielunterbrechungen den Bauchladenverkäufer “Icecreeeam!” plärren und die Ambulanz-Roboter sind noch genauso knuffig wie ‘Damals™’. Im Gegensatz zum Vorgänger Tournament ist das Spiel wieder schnell, direkt und kommt mit zwei Knöpfen des Gamepads aus. Innerhalb von zwei Partien sind die alten, eingerosteten  Reflexe wieder geschärft und jeder Daumen weiß wieder genau, was er zu tun hat… Leider ist Evolution für meinen Geschmack ein wenig zu bunt geraten, aber das ist wohl Geschmackssache. Schlimmer finde ich, und das ist der einzige Wermutstropfen, dass aus irgendeinem Grund komplett auf einen Multiplayer Modus verzichtet wurde, was angesichts der Möglichkeiten von PSP, iPad und Co. doch arg verwunderlich ist.

Ansonsten ist die Umsetzung absolut gelungen: mit irgendwas um die 5,-€ ein echtes Schnäppchen, als Mini-Game auf der PSP immer am Mann, eignet sich Evolution perfekt für ein paar schnelle Spiele zwischendurch und alten Hasen wie mir werden dadurch ein paar nostalgische Stunden beschert. Danke, Bitmap Brothers!

1 Comment

  1. Jürgen
    06/03/2012

    #hach
    Da kommen gute Erinnerungen hoch.
    Werd das SB2 Evo wohl mal antesten müssen…;)

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