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17th September
2012
written by DedalusRoot

Nach allem was man heute so im Internet liest, hat Julia Schramm ein Buch geschrieben. Junge internetaffine Menschen, die in der Netzgemeinde™ ein gewisses Ansehen haben, tun das in letzter Zeit häufiger und scheinen von Verlagen je nach Bekanntheitsgrad mehr oder weniger fürstlich dafür entlohnt zu werden. So weit, so unspannend.

Über den Inhalt des Buches oder gar Julia Schramms Talent als Autorin möchte ich mich an dieser Stelle auch nicht äußern. Das haben die Feuilletons des SPIEGEL und der Süddeutschen heute bereits zur Genüge getan und @silenttiffy hat sich hier ebenso ausgiebig und äußerst treffend über die reflexhafte Gehässigkeit und den folgenden Shitstorm geäussert. Schlimmstenfalls wird sich in den nächsten Tagen auch noch Malte Welding zum Erstlingswerk äußern und den ein oder anderen Hinweis auf eventuell vorhandene psychische Störungen der Autorin entdecken… kein Grund also der Dorfgemeinde beim Treiben der Sau behilflich zu sein.

Ein kleines Schmuzeln umzuckte dann aber doch meine Lippen, als ich feststellte, dass sich irgendein Schelm mit einem nicht ganz von der Hand zu weisenden Sinn für Humor erlaubt hat, das Buch mit Verweis auf das Parteiprogramm der Piratenpartei vorab unter klickmichdownload.tumblr.com zum kostenlosen Download anzubieten:

Inwieweit das Kopieren und  Zugänglichmachen von Julia Schramms “Klick mich!” nun zur Förderung von Wissen und Kultur beiträgt und die soziale, technische und wirtschaftliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft fördert, sei einmal dahingestellt. Schmunzeln musste ich trotz allem.

Die Ironie erschließt sich einem aber tatsächlich erst dann in ihrer Gänze, wenn man nun, knapp sechs bis acht Stunden später, dem Link zu Dropbox folgt, wo der offensichtlich illegale Download inzwischen durch Random House unter Berufung auf den Digital Millennium Copyright Act entfernt wurde:

Selbstverständlich ist es das gute Recht von Random House genau das zu tun, jedoch muss ich gestehen, dass ich mich in meiner mephistophelischen Art geradezu … nun ja, teuflisch… darüber freuen würde, wenn die Begriffe “Julia Schramm Autorin”, “Digital Millennium Copyright Act”, “Random House”, “Piratenpartei” als mahnendes Beispiel für zukünftige Netzaktivisten und Jungpiraten auf ewig miteinander verknüpft blieben.
Das dem nicht so sein wird, ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass sich letztlich doch weniger Menschen für Julia Schramms Buch als für Bettina Wulffs Vergangenheit interessieren. Auch das sagt eine Menge aus…

 


Nachtrag:  Als kleinen Denkanstoss möchte ich an dieser Stelle, auch wenn der Vergleich mehr als nur hinkt, auf Amanda Palmer verweisen, die sich im April 2010 nach zweijährigem Kampf von ihrem Label Roadrunner Records getrennt hat, nachdem das Label unter anderem Bilder ihres nackten Bauchs aus einem Video schneiden wollte, da sie, so das Label, zu fett sei. Miss Fucking Palmer hat ihr aktuelles Album komplett über Crowdfunding finanziert und bietet dieses unter dem Motto Pay What You Want zum kostenlosen Download an.

Vielleicht ist das dieses nichtkommerzielle Zugänglichmachen, Kopieren und Nutzen von Werken, dass zur Förderung von Wissen und Kultur beiträgt und die soziale und wirtschaftliche Weiterentwicklung unserer Gesellschaft fördert… just sayin’.

3 Comments

  1. Carsten
    18/09/2012

    “Junge internetaffine Menschen, die in der Netzgemeinde™ ein gewisses Ansehen haben, tun das in letzter Zeit häufiger und scheinen von Verlagen je nach Bekanntheitsgrad mehr oder weniger fürstlich dafür entlohnt zu werden. So weit, so unspannend.”
     
    NEIN. Eben nicht unspannend. Wenn es stimmt, dass Knaus/RH für dieses Buch schlappe 100.000 Euro Vorschuss gezahlt hat und man gleichzeitig weiß, mit was für Vorschüssen bzw. Argumenten für nicht zustande kommende Vorschüsse (weil Vorschlag/Exposée/Manuskript, obwohl qualitativ gut, abgelehnt werden) andere ernst zu nehmende Autoren sich rumschlagen müssen, ist das ein spannender Punkt, über den zu reden wäre.
     
    Ganz deutlich: es geht mir nicht um Neid im Bezug auf Julia Schramm, wer so ein Angebot hat, soll es annehmen, das sehe ich pragmatisch. Aus Sicht des Verlags ist es allerdings äußerst diskutabel…

  2. DedalusRoot
    18/09/2012

    Richtig, Carsten. Das Faß wollte ich aber nicht aufmachen… allein schon, weil die kolportierten 100.000,-€ in den Medienberichten zur Gefüge erwähnt wurden und die Erwähnung zwangsläufig in Richtung Neiddebatte ausufert. Darüber hinaus fehlt mir das nötige Hintergrundwissen, um zu beurteilen, wie dieser Vorschuss im Autorengehaltsgefüge einzuordnen ist.
     
    Außerdem sagst Du ja selbst, dass dieser Sachverhalt wohl eher dem Verlag als der Autorin anzukreiden ist.
    Anscheinend macht man sich in den Verlagshäusern mehr Gedanken darüber, welche Reichweite potentielle Autoren haben und wie sich diese vermarkten lassen, als über den Inhalt der vermarkteten Bücher. So völlig neu und überraschend erscheint mir diese Entwicklung jetzt allerdings nicht, auch wenn ich da sicher nicht so tief in der Materie stecke wie andere.
     
    Aber irgendeinen Grund muss es ja haben, dass überall kleine Independent-Verlage und DIY-Künstler aus dem Boden sprießen, oder? Oder sprießen die gar nicht und das ist einzig und allein mein Eindruck weil ich aus der Twitterperspektive auf die Szene gucke?

  3. Irena
    20/09/2012

    Es ist eigenlich gleich ob es Kultur ist, die da als Buch erschienen ist. Ein geschlossener Vertrag zwingt sie sicher auch zu einem gewissen Handeln, dass gegen eigene Prinzipien gehen könnte. Sie hat Rechte abgetreten.

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