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25th April
2013
written by DedalusRoot

Heute hat mich zum ersten Mal seit anderthalb Jahren die Sachbearbeiterin meiner Hausbank kontaktiert. Scheinbar grundlos rief sie mich an und flötete ins Telefon, wie lange man sich nicht gesehen hätte, und wie schade das doch sei. Sie habe gesehen, dass mein Gehalt noch nicht auf dem Konto sei und die Deckung derzeit nicht für die Lastschrift meines Stromanbieters ausreiche. Etwas irritiert antwortete ich, dass das schon seit Monaten so sei, ich mich inzwischen aber damit abgefunden hätte, dass mein Stromanbieter zu einen etwas ungünstigen Zeitpunkt zum Ende des Monats abbuchen würde. Das sei auch kein Problem, da dieser knapp eine Woche später erneut abbuchte, und ich die Bearbeitungsgebühr hierfür inzwischen in meinen Fixkosten eingeplant hätte, da es anscheinend unmöglich sei, den Zeitpunkt der Lastschrift anzupassen. Das sei doch absolut nicht nötig, antwortete sie. Die Lastschrift würde sie einfach durchgehen lassen, dass Gehalt komme ja schließlich morgen, und dass wäre nun wirklich kein Problem, und sie hätte mich lediglich angerufen, um ich darüber zu informieren.

An dieser Stelle wurde ich stutzig. Zum einen erfolgte diese Rücklastschrift mit steter Regelmäßigkeit und war inzwischen fester Bestandteil meiner Finanzkalkulationen, zum anderen lag der letzte Kontakt zu meiner Bank inzwischen gut anderthalb Jahre zurück und unser Verhältnis war zu diesem Zeitpunkt alles andere als harmonisch und freundschaftlich gewesen. Wie es besonnene Deutsche Sparfüchse von einem Griechen erwarten, hatte meine Unfähigkeit vernünftig mit Geld umzugehen mich in eine desolate finanzielle Lage manövriert. Ich hatte über den Verlauf mehrerer Jahre einen ganzen Haufen Verbindlichkeiten in Form von Krediten angehäuft, die mir zwar bewilligt worden waren, die ich mit meinem damaligen Einkommen jedoch kaum oder nur mit größter Mühe bedienen konnte. Im Nachhinein kann ich mich kaum noch erinnern, wie oft ich in dieser Zeit in meiner Filiale vorstellig geworden war, um geringere Raten oder eine andere kundenfreundliche Regelung, die mich nicht den Hungertod sterben ließ, zu erwirken. Natürlich ohne Erfolg. Jede Lösung meinerseits wurde abgelehnt und jedes Angebot von Seiten der Bank hätte meine prekäre Situation um ein Vielfaches potenziert. Letztlich tat ich das einzig Vernünftige, etwas dass ich schon deutlich früher hätte tun sollen: Ich suchte ich mir neben meiner Vollzeitbeschäftigung einen Nebenjob und arbeite nebenher zwei bis viermal wöchentlich in der Gastro. Das entsprach in ungefähr dem Zeitaufwand den ich mit Diskussionen und Gängen canossaischer Demut auf mich genommen hatte, schonte allerdings meine Nerven erheblich und warf sogar ein wenig Trinkgeld ab, dass sich zum Feierabend in Bier und Jägermeister investieren ließ. Darüber hinaus konnte ich nun endlich behaupten körperlich zu arbeiten und durfte den Working Class Hero samt dazugehörigem Bart raushängen lassen. Schließlich, Anfang diesen Jahres war mir das Glück ein bisschen gewogener als in den Jahren zuvor und ich bekam den Job meiner Chefin, die sich in lukrativere Gefilde verabschiedet hatte. Damit einher ging ein menschenwürdiges Gehalt und die Möglichkeit den Göttern des Finanzwesens ihren Tribut zu zollen, ohne bis spät in die Nacht hinterm Tresen zu stehen.

Knapp drei Monate später klingelte nun also mein Telefon und eine zuckersüße Stimme, die mir vor etwas mehr als einem Jahr noch sämtliche Unterstützung verweigert hatte, flötete ins Telefon als hätten die letzten fünfzehn Monate nie stattgefunden. Wann man sich denn mal wieder sehen würde, fragte sie, als hätten wir früher regelmäßig zusammen Kaffee getrunken und gemeinsam gefrühstückt. Dabei wurde mir bei meinen letzten Besuchen als Bittsteller noch nicht einmal mehr Wasser angeboten, und ihr panischer Blick, der den Filialleiters suchte, war immer noch gut in Erinnerung… Und plötzlich, während sie noch flötete, wusste ich, woran sie  mich erinnerte: Sie glich in ihrer Art einer dieser Exfreundinnen, die gelangweilt durch die Einöden von Facebookistan scrollten und dabei das Profil eines längst Verflossenen entdeckten, nur um festzustellen, dass dieser sich in der Zwischenzeit prächtig entwickelt hatte. Anscheinend hatte ich mich (oder mein Kontostand sich) zu einem ganz adretten Kerlchen gemausert, mit dem der Umgang sich wieder lohnte. Ich war in ihren Augen nicht mehr der lästige Bittsteller, sondern der potentielle Kunde. In einem Moment peinlicher Selbsterkenntnis merkte ich, dass ich mich auf einer Ebene von der ich nicht wusste, dass sie existierte, geschmeichelt fühlte. Im zweiten Moment war ich mir mehr als unsicher, ob ich sie aufgrund dieser Dreistigkeit anschreien oder aufgrund der Offensichtlichkeit auslachen sollte. Allein die Tatsache, dass ich im Büro saß, bewog mich dazu ein gewisses Maß an Höflichkeit zu wahren und ihr Angebote eines Treffens freundlich abzulehnen, solange es noch Onlinebanking, andere Filialen sowie Sonne, Mond und Gezeiten gäbe.

“Wenn Sie etwas brauchen, rufen sie mich an!” sagte sie zum Abschied.
“Nicht, wenn ich es verhindern kann.”

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