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2nd June
2013
written by DedalusRoot

Santorini Fava

Etwas abseits der österlichen Aktivitäten in der griechischen Heimat servierte mir mein Vater einen Meze (eine Vorspeise also), den er Fáva nannte. Das Ganze erinnerte auf den ersten Blick an Hommus und schien auch etwas Ähnliches zu sein, ein Purree nämlich aus getrockneten Hülsenfrüchten, abgeschmeckt mit Pfeffer und Salz, ein wenig Olivenöl und einem spritzer Zitrone, garniert mit roten Zwiebeln.
Welche Hülsenfrucht sich dahinter versteckte, konnte mir jedoch kein Mitglied meiner vielköpfigen und kulinarisch durchaus bewanderten Familie beantworten. Das Ganze hieß schlicht Fáva, war Jedem am Tisch außer meiner Wenigkeit ein Begriff und hatte mit der in Deutschland unter dem Namen Saubohne bekannten Favabohne absolut nichts gemein. Meiner Neugier folgend inspizierte ich bei nächster Gelegenheit unsere Speisekammer, die, bis an die Decke vollgepackt mit selbst gekochten Tomatensaucen, eingelegtem Gemüse und selbstgebranntem Tsipouro, auch ein ganzes Regal mit Hülsenfrüchten beheimatet. Dort, zwischen Kichererbsen und drei verschiedenen Sorten Linsen,  entdeckte ich schließlich den Verdächtigen: eine gelbliche Erbsensorte, die allem Anschein nach geschält und geschrotet war. Mit befriedigter Neugier und der festen Annahme es würde sich hierbei um schnöde gelbe Schälerbsen handeln, die es in Deutschland in jedem Supermarkt gibt, schlug ich das Angebot meiner Mutter aus, mir ein Glas mitzugeben. Wozu lebt man schließlich im Land des Überflusses, wo es bei zwanzig Zentimetern Neuschnee noch frischen Spargel im Supermarkt gibt? Stattdessen packte ich lieber noch eine Flasche von Onkels gutem Selbstgebrannten in den Koffer.

In Deutschland angekommen machte ich mich daran, das im Ansatz ziemlich einfache Rezept nachzukochen. Die Erbsen werden mit einer Schalotte, Knoblauch und einem Lorbeerblatt gekocht, anschließend mit ein wenig Olivenöl püriert und mit Pfeffer und Salz abgeschmeckt, fertig! Der erste Versuch mit gelben Schälerbsen ergab dann auch umgehend ein sehr leckeres Erbsenpurree, das geschmacklich nicht das Geringste mit Fáva gemein hatte und mit etwas Sahne gestreckt ein feines Süppchen abgab. Irritiert konsultierte ich das Internet und stieß auf Rezepte, die wahlweise Kichererbsen oder gelbe Linsen für das Rezept vorsahen. Nachdem ich Kichererbsen ausschließen konnte (ich wollte ja explizit kein Hommus), startete ich einen zweiten Versuch mit den empfohlenen gelben Linsen. Dieser Versuch kam deutlich näher an das ran, was ich zu Hause gegessen hatte, war aber definitiv nicht dasselbe. Darüber hinaus hatte mich jetzt der Ehrgeiz gepackt. Die Dinger im Einmachglas meiner Mutter waren definitiv keine gelben Linsen gewesen. Was aber dann? Von gelben Schälerbsen über Linsen bis hin zu Kichererbsen bot das Internet alles auf, was definitiv nicht Bestandteil der Fáva war… Selbst die Produktbeschreibung eines Onlineshops, der griechische Fáva anbot, sprach von “fein zerkleinerten, getrockneten Kichererbsen”, als wolle er mich, den offensichtlich deutschsprachigen Konsumenten, für dumm verkaufen. Auf der Packung selbst stand jedoch in griechischen Lettern Φάβα απο λαθούρι, was in Deutschen soviel wie Wicke bedeutet. Die kannte ich jedoch bisher nur als Zierpflanze, so dass ich mir auch diesmal nicht sicher war, ob ich nicht einem Übersetzungsfehler (oder einem faulen Übersetzer) aufgesessen war. Einige Klicks weiter und inzwischen sichtlich entnervt, stolperte ich schließlich über den Begriff Platterbse und siehe da: der Suchbegriff “Platterbse Fava” förderte prompt einen Antrag zum Schutz von geografischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen für Agrarerzeugnisse und Lebensmittel zu Tage:

1. Name:

Φάβα Σαντορίνης (Fava Santorinis)

2. Mitgliedstaat oder Drittland:

Griechenland

3. Beschreibung des Agrarerzeugnisses oder des Lebensmittels:

Getrocknete, geschälte und zerkleinerte Samen der Pflanze Lathyrus clymenum L. (Platterbse) aus der Familie der Leguminosen (Fabaceae oder Hülsenfrüchtler), gelblich, flachrund mit etwa 2 mm Durchmesser, einem Feuchtigkeitsgehalt von höchstens 13 % und einem besonders hohen Gehalt an Proteinen sowie einem hohen Gehalt an Kohlenhydraten. Aufgrund ihrer physischen und chemischen  Eigenschaften wird die Fava Santorinis schnell gar (kürzere Kochzeit), und die zubereitete Fava Santorinis sowie alle Speisen, in denen sie verwendet wird, haben einzigartige sensorische Eigenschaften wie eine cremige Konsistenz und einen leicht süßlichen Geschmack.

  Kurz: Diese vermaledeite Hülsenfrucht, die mich mehr als drei Stunden meines Lebens kostete, ist nicht nur unglaublich lecker, sondern wird so in dieser Form tatsächlich nur auf Santorin und einigen anderen Inseln der Kykladen angebaut. Ich hätte also verdammt gut daran getan auf den Selbstgebrannten zu verzichten und stattdessen ein halbes Kilo Fáva irgendwo zwischen Kulturbeutel und Socken zu zwängen und nach Deutschland zu schmuggeln. So muss ich auf die bereits initiierte  Hilfslieferung (Ich danke dem Schicksal an dieser Stelle für griechische Mütter und Mütter im Allgemeinen!) aus der Heimat hoffen und bis dahin schnöde, gelbe Linsen essen.

Ein kleines Fun Fact für alle, die immer noch nicht genug der Erbsenzählerei haben: Die in Deutschland als “Gartenwicke” bekannte Zierpflanze gehört ebenso wie die griechische Fava der Gattung der Platterbsen an, weshalb der wahrscheinlich doch nicht so faule oder dumme Übersetzer λαθούρι mit Wicke übersetzt hat…

 [picture via Boots in the Oven]

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