Beiträge mit dem Tag "Griechenland"

9th August
2013
written by DedalusRoot

 

Trotz der Tatsache, dass ich in Deutschland aufgewachsen und erst im Alter von 14 Jahren gen Griechenland entwurzelt wurde, um mich dort zumindest geringfügig mediterran sozialisieren zu lassen, werden einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen von griechischen Melodien begleitet. In unserer Küche lief eigentlich immer Musik, meist die politisch motivierten linken Lieder von Mikis Theodorakis der 60er und 70er, eng verbunden mit dem Widerstand gegen die Griechische Militärdiktatur, oder alte, melancholische Rembetika, dem griechischen Blues mit Erzählungen von Haschisch-Höhlen und Gefängnissen, gescheiterten Liebschaften und Messerstechereien. Meine Mutter stand mittendrin und summte und sang. Und lange bevor ich auch nur die Hälfte der Texte verstehen oder deren Aussagen erfassen konnte, sang ich mit, weil es nichts gibt, dass Inhalte besser vermittelt als eine Melodie. Sesamstraße lässt grüßen…
Bedingt durch diesen Umstand habe ich nicht nur die unsagbar schiefe Gesangsstimme meiner Mutter geerbt, sondern auch ihre Liebe zur griechischen Musik. Wahrscheinlich lässt sich so auch erklären, weshalb ich, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin und Deutsch weiterhin die Sprache ist, die ich mit Abstand am Besten beherrsche, nie den gleichen Bezug zu deutschsprachiger Musik wie zu griechischer gefunden habe. Griechische Musik dockt an völlig anderen Synapsen an, die sich wahrscheinlich irgendwo in den tiefsten Tiefen meines kleinen Echsenhirns befinden, und beschert automatisch Sehnsucht und das dauerhafte Gefühl etwas im Auge zu haben. (more…)

6th August
2013
written by DedalusRoot

Karagiozis

Kreuzberg @ Mariannenstraße – 28.05.2013

Karagiozis (griechisch Καραγκιόζης, vom türkischen Karagöz) ist eine volkstümliche griechische Schattentheaterfigur (Quelle: Tante Wiki).

Die Tradition des Schattentheater hat ihren Ursprung im Orient und wurde während der Zeit der osmanischen Besatzung von der griechischen Bevölkerung der kleinasiatischen Küste aufgenommen. Sie  hat sich von ihrer Anfangszeit im 19. Jahrhundert bis in die 80er Jahre gehalten, als es im griechischen Fernsehen noch regelmäßig Karagiozis-Sendungen, vergleichbar mit dem Kasperle in Deutschland, gab.

Karagiozis verkörpert den Archetyp des armen und unzureichend gebildeten Griechen zur Zeit des osmanischen Reichs und stellt damit so etwas wie den “Missing Link” zwischen den Helden der Schelmenromane und dem Prekariat der Neuzeit dar. Er wird stets barfuß und mit geflickten Kleidern dargestellt. Darüber hinaus ist er bucklig und hat einen überlangen Arm. Er lebt mit seiner Frau Aglaia und seinen drei Jungen in einer ärmlichen Hütte unweit des Serails.

Wie seine Nachfahren des krisengeschüttelten 21. Jahrhunderts ist Karagiozis über alle Maße faul und seine Interessen bestehen zu großen Teilen aus Essen und Schlafen. Sein Hauptaugenmerk liegt auf seinem eigenen persönlichen Vorteil, und wenn er aus seiner Lethargie erwacht, um etwas zu unternehmen, dann nur um sich selbst auf recht plumpe Art und Weise zu bereichern. Die Versuche scheitern zur Belustigung der Zuschauer meist kläglich, und die wichtigste Lektion, die sich daraus für den Betrachter ergibt: Don’t try!

Natürlich ist Karagiozis ist auch ein Relikt aus der Zeit der osmanischen Besatzung und damit ein Symbol für den Widerstand gegen einen übermächtigen Gegner. So plump seine Versuche sich einen Vorteil zu verschaffen sind und so einfältig er auch wirken mag, so sehr liegen die Sympathien trotzdem bei ihm, wenn er versucht sich gegen seinen moralischen Gegenspieler Hadjiavatis, den Prototypen des obrigkeitshörigen Stiefelleckers, und die Handlanger des Sultans durchzusetzen.

In dieser Hinsicht steht Karagiozios in der Tradition der Schelmenfigur und repräsentiert die Auflehnung gegen Bevormundung und Unterdrückung mit einfachen Mitteln, und wir wünschen ihm, dass es ihm nur einziges Mal gelingt, der Obrigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Denn nichts würde uns mehr freuen, als dass er den Reichen und Mächtigen eine lange Nase drehte. In dieser Hoffnung ist die Aufgabe  des pikaresken Helden begründet, auch wenn wir bereits wissen, dass er gegen Windmühlen kämpft und zum Scheitern verurteilt ist. Am Ende weicht die hehre Hoffnung der tröstlichen Gewissheit, dass alles bleibt, wie es ist: Wir lachen über den Narren, der an unserer statt scheiterte, beruhigt und bestätigt in unserem Wissen, dass Widerstand unmöglich und nicht mehr als eine sentimentale Vorstellung ist.
Denn nur Narren kämpfen… der Rest von uns akzeptiert die Niederlage als selbsterfüllende Prophezeiung und versteigt sich ob ihrer Erfüllung in spöttisches, unser Gewissen beruhigendes, Gelächter und wartet auf die nächste Vorstellung.

2nd June
2013
written by DedalusRoot

Santorini Fava

Etwas abseits der österlichen Aktivitäten in der griechischen Heimat servierte mir mein Vater einen Meze (eine Vorspeise also), den er Fáva nannte. Das Ganze erinnerte auf den ersten Blick an Hommus und schien auch etwas Ähnliches zu sein, ein Purree nämlich aus getrockneten Hülsenfrüchten, abgeschmeckt mit Pfeffer und Salz, ein wenig Olivenöl und einem spritzer Zitrone, garniert mit roten Zwiebeln.
Welche Hülsenfrucht sich dahinter versteckte, konnte mir jedoch kein Mitglied meiner vielköpfigen und kulinarisch durchaus bewanderten Familie beantworten. Das Ganze hieß schlicht Fáva, war Jedem am Tisch außer meiner Wenigkeit ein Begriff und hatte mit der in Deutschland unter dem Namen Saubohne bekannten Favabohne absolut nichts gemein. Meiner Neugier folgend inspizierte ich bei nächster Gelegenheit unsere Speisekammer, die, bis an die Decke vollgepackt mit selbst gekochten Tomatensaucen, eingelegtem Gemüse und selbstgebranntem Tsipouro, auch ein ganzes Regal mit Hülsenfrüchten beheimatet. Dort, zwischen Kichererbsen und drei verschiedenen Sorten Linsen,  entdeckte ich schließlich den Verdächtigen: eine gelbliche Erbsensorte, die allem Anschein nach geschält und geschrotet war. Mit befriedigter Neugier und der festen Annahme es würde sich hierbei um schnöde gelbe Schälerbsen handeln, die es in Deutschland in jedem Supermarkt gibt, schlug ich das Angebot meiner Mutter aus, mir ein Glas mitzugeben. Wozu lebt man schließlich im Land des Überflusses, wo es bei zwanzig Zentimetern Neuschnee noch frischen Spargel im Supermarkt gibt? Stattdessen packte ich lieber noch eine Flasche von Onkels gutem Selbstgebrannten in den Koffer. (more…)

29th April
2013
written by DedalusRoot

Und Tschüss!

 

Modiano Market – Thessaloniki

Während der Sommer sich langsam und auf leisen Sohlen an die Hauptstadt ranpirscht, nähert sich auch wieder die Zeit des Jahres, in der in Berlin das alljährliche Klassentreffen des Internets stattfindet. Und während Ihr Euch noch Gedanken macht, welche Eurer Devices Ihr mit in die Hauptstadt nehmt, und wie viele Ersatzakkus Ihr einpacken solltet, mache ich dieses Jahr mal was ganz anderes:  Ick verpiss mich! Jawohl, ich packe meine Sachen und bin raus! Und zwar nach Griechenland, wo am 05. und 05.06. das diesjährige Osterfest (check your Kirchenkalender!) stattfindet und sich die gesamte Familie im Heimatdorf meiner Großeltern trifft, um zarten Milchlämmern dabei zuzuschauen, wie sie sich über Holzkohle gemächlich um die eigene Achse drehen, Seite an Seite mit einem köstlichen Kokoretsi und sicherlich jeder Menge Wein, Tsipouro und Musik! Und während Ihr so vor Euch hin netzwerkt und Johnny Haeusler beim Ukulele spielen zuschaut, werde ich entschleunigen, runterkommen und am Nullpunkt meine Mitte suchen. Ich werde mit meinen Cousins einen trinken gehen und auf Frau Merkel schimpfen, die uns und ganz Europa in den Ruin treibt. Ich werde den Hühnerstall begutachten, den mein Vater im letzten Jahr gebaut hat und mal testen wie gut eigenen Bioeier wirklich sind. Vielleicht werde ich auch durch Thessaloniki spazieren, und es wird mir ein bisschen das Herz brechen die ganzen verkleisterten Schaufenster mit den “Zu Verkaufen!”-Schildern zu sehen. Vor allem aber werden wir völlig unabhängig von globalen Finanzkrisen und all diesen Dingen, die unsere Existenz bedrohen, Ostern feiern, laut, ausgelassen und ohne einen Gedanken an morgen zu verschenken. Vielleicht werden wir auch ein paar Teller zerschmeißen und um die Scherben tanzen, sowas tun Griechen nämlich wirklich. Und auch wenn ich inzwischen mehr Mitteleuropäer bin, als mir lieb ist, gibt es keinen Ort der Welt an dem ich in den nächsten 10 Tagen lieber wäre.

Ich wünsche Euch viel Spaß auf Eurem Klassentreffen!

28th July
2012
written by DedalusRoot

Zitronenhühnchen mit Ofenkartoffeln und Couscoussalat

Wie ich am Wochenende erfahren habe, sind meine Eltern gerade im Begriff einen Hühnerstall zu bauen… Nicht etwa zum Zeitvertreib oder aus Langeweile, sondern weil die wirtschaftliche Lage in Griechenland inzwischen so prekär ist, das sich ein Großteil der Bevölkerung ernsthafte Gedanken machen muss, wie er seine Familie durch den Winter bringt. Und so ein Suppenhuhn oder Hähnchen oder einfach nur ein paar frische Eier eignen sich nicht nur zum Verzehr, sondern auch ausgzeichnet für Tauschgeschäfte mit dem Nachbarn, der gute Verbindungen zu den örtlichen Fischern hat. In Zeiten wie diesen sicherlich nicht die übelste aller Ideen… Also bauen wir, knapp 15 Jahre Jahre nachdem wir den Hühnerstall meiner Großmutter abgerissen haben, einige Meter weiter einen neuen. History repeating…

Im Zusammhang mit dieser Geschichte fiel mir ein klassisches Rezept meiner Jugend ein: Zitronenhühnchen mit Ofenkartoffeln (griechisch: κοτόπουλο λεμονάτο με πατάτες στο φούρνο) ist eines jener Gerichte, die neudeutsch unter dem Begriff Comfort Food zusammengefasst werden, ein Begriff der alles umfasst, was traditionell in Mutters Küche zubereitet wurden und einen meist nostaglischen oder sentimentalen Wert haben. Früher hätte man wohl etwas abwertend Hausmannskost dazu gesagt, aber um so weiter wir uns von den einfachen Dingen entfernen, desto kostbarer scheinen sie zu werden… (more…)

23rd February
2012
written by DedalusRoot

“Μαζί τα φάγαμε!” (Wir ‘alle’ haben das Geld verjuxt!)
– Der Abgeordnete Theodoros Pangalos auf die Frage griechischer Journalisten, was die Regierung mit all dem Geld getan habe.

So sind wir Griechen… jahrelang lebten wir wie die Made im Speck, haben uns seit unserem ermogelten Beitritt zur EU an den reichhaltigen Subventionen und günstig zu vergebenden Krediten der anderen Mitgliedstaaten gütlich getan und mit deren Steuergeldern Häuser gebaut und Autos gekauft. Nun ist es also an der Zeit den Gürtel etwas enger zu schnallen. Das ist ungewohnt. Zu unserer Verteidigung muss man sagen, dass dem Griechen “die Kultur der Stabilität und die Fähigkeit zur Disziplin” schlichweg abgehen (Giannos Papantoniou, Finanzminister bis 2004). Der Deutsche hingegen kam nach dem Krieg gar nicht umhin sich auf diese Tugenden zu besinnen, schließlich galt es ein Land, dass sich am Boden befand, gänzlich ohne fremde Hilfe wieder aufzubauen. Und nun soll also der brave deutsche Michel die Rechnung für die Maßlosigkeit der spätgriechischen Dekadenz zahlen, während Kosta die Zeche prellt und sich weiterhin an lecker Souvlaki und Ouzo gütlich tut.

Soviel zunächst zur Bedienung tumber, rassistischer Klischees, die ich im Verlauf der vergangenen Monate so lieb gewonnen habe. Um die soll es hier aber ausnahmsweise mal nicht gehen… (more…)

9th November
2011
written by DedalusRoot

[ picture via stuttmann.de]

Das habt Ihr nun davon. Der Pleitegrieche ist raus. Nachdem ich monatelange die unreflektierten liebevollen Kommentare meiner Mitmenschen und die Schmutzkampagnen Berichterstattung der deutschen Presse erdulden musste, hab’ ich die Schnauze voll.

Statt mich darüber aufzuregen, habe entschieden vom 11. bis 19. November einen Kurzaufenthalt im Land meiner Vorfahren einzulegen. Dort werde ich eine Woche lang nichts tun, als auf der faulen Haut zu liegen und mit meiner ebenso faulen, arbeitsscheuen Verwandtschaft (alle über 30 sind ohnehin schon in Rente) bei Τσίπουρο und Μεζέδες deutsche Steuergelder zu verprassen, die monatlich per Direktüberweisung auf den Konten aller Griechen eingehen.

Welchen Regierungschef mein Heimatland bei meiner Ankunft am Freitag nachmittag haben wird, ist bisher zwar noch unklar, nachdem ich aber einen griechischen Reisepass habe (ich wusste, das Ablehnen der deutschen Staatsbürgerschaft würde sich irgendwann auszahlen), gehe ich davon aus, dass man mir wohlgesinnt sein wird.

Sollte ich bei all dem Sirtaki Tanzen und Souvlaki Essen noch dazu kommen, werde ich mich mit eigenen Augen von der dort herrschenden Situation überzeugen und ausgiebig darüber berichten. Leider weiß ich derzeit noch nicht, wann und wie ich einen Zugang zum Internet habe, so dass es sein kann, dass ich entsprechende Berichte nachreiche.

P.S.: Die nächste Tranche zur Erhaltung dieser spätgriechischen Dekadenz möchte ich Euch bitten in der Zwischenzeit auf mein Nummernkonto in der Schweiz zu überweisen… Ευχαριστώ!

 

3rd March
2011
written by DedalusRoot

Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts mehr liebe als Menschen in die Kochtöpfe und auf die Teller zu gucken. Man stelle mich einfach in eine fremde Küche, in der etwas brutzelt, dass ich nicht kenne, und ich bin für Stunden beschäftigt und löchere den Koch mit Fragen. Das liegt zum einen an meiner Liebe für’s Kochen und Essen, zum anderen aber auch daran, dass kaum etwas mehr über einen Menschen verrät als die Frage was er isst, und die Art wie er sein Essen behandelt. (more…)

4th July
2010
written by DedalusRoot

“There was only one road back to L.A. US Interstate 15, just a flat-out high speed burn through Baker and Barstow and Berdoo. Then on to the Hollywood Freeway straight into frantic oblivion: safety, obscurity. Just another freak in the Freak Kingdom.”
Raoul Duke

Mit diesen Worten des großen Gonzo-Journalisten Raoul Duke lässt sich meine Heimkehr nach Berlin recht treffend beschreiben. Acht Tage Griechenland heißt in meinem Fall eben nicht nur acht Tage Sommer, Sonne, Strand und Meer, sondern auch Familie, Plichtbesuche, Stress und ein Land und eine Mentalität, die sich mir nicht immer ganz erschliessen… (more…)

1st July
2010
written by DedalusRoot

Okay, ich geb’s zu: Ich hab’ ein schlechtes Gewissen, weil ich seit beinahe 3 Wochen nicht mehr geschrieben habe…
Allerdings hatte ich einen triftigen Grund: Urlaub! Zwar nur in der griechischen Heimat, aber immerhin mal ein paar Tage ohne Rechner, Breitband-Internet und den ganzen anderen neumodischen Firlefanz… und ich gelobe feierlich: Sobald sämtliche Urlaubsfotos gesichtet und dieser verdammte Zeitfresser, der sich WM nennt, vorüber ist, schmeiße ich die kleinen grauen Kreativzellen wieder an und geb’ Vollgas, versprochen!

Bis dahin,

Γειά μας!

Photo by @MmeCoquelicot


Warnung!

Widerstand

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