Beiträge mit dem Tag "Reflektionen"

3rd July
2013
written by DedalusRoot

Mittwoch Nacht irgendwo in Neukölln. Ein Mann Mitte fünfzig mit erschöpften Gesichtszügen und abgetragenen Kleidern steht mutterseelenallein und völlig regungslos auf dem Gehweg. Minutenlang zuckt er weder mit der Wimper, noch bewegt er auch nur einen Muskel, sondern steht einfach nur da, die Arme schlaff an seiner Seite herabhängend und starrt mit leeren Augen in die Ferne. Passanten gehen an ihm vorbei, sorgsam darauf bedacht ihn keines Blickes zu würdigen.
Innerhalb der wenigen Schritte, die brauche, bis ich ihm auf Augenhöhe gegenüber stehe,  überlege ich, was diesem Menschen widerfahren sein könnte, der so offensichtlich vom Rand der Gesellschaft gefallen ist, dass ihm niemand auch nur die geringste Beachtung schenkt. Ich stelle mir die Frage, ob ich ihn ansprechen soll, ihn fragen ob alles gut ist, aber irgendetwas hält mich davon ab. Stattdessen danke ich meinem Schicksal, dass ich seines nicht teile und ignoriere ihn, wie all die anderen Passanten, die, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, an ihm vorbeilaufen.

So sehr ich in solchen Momenten helfen möchte, so sehr habe ich auch Angst. Angst vor dem was passiert, wenn ich sie anspreche und unsere Welten sich überschneiden, wenn ich mich mit ihr befassen muss. Angst davor, dass der Sog ihrer Existenz mich ergreift und sie mich ebenfalls über den Rand zerren könnte, wenn ich mich nur weit genug in ihre Umlaufbahn traue, statt sie wie eine Litfaßsäule links liegen zu lassen.

Einige Tage später eine ähnliche, wenn auch völlig andere Situation: Ein junges Mädchen Ende zwanzig steigt in die U-Bahn. Sie hat die Kapuze ihres Hoodies tief ins Gesicht gezogen und trotzdem  sehe ich die Tränen, die sich ihren Weg durch die schwarzen Ringe ihres verlaufenen Make-Up bahnen. Die Hände des Mädchens zittern, als sie nach der Haltestange greift und immer wieder schütteln unterdrückte Schluchzer ihren Körper. Ungefähr vier Stationen, das Großstadtequivalent einer kleinen Ewigkeit, denke ich darüber nach sie anzusprechen, sie zu fragen, ob sie Hilfe braucht. Ich denke lange darüber nach, wie diese Form der Aufmerksamkeit auf sie wirkt, ob sie nicht sogar unerwünscht ist, womöglich übergriffig wirkt, bevor ich schließlich, ohne ein Wort zu sagen, aussteige und meinen Weg durch die nächtliche Stadt fortsetze, vorbei an einem Typen, der im nächsten Hauseingang liegt und hofffentlich nur schläft.

Dieses Gefühl überkommt mich oft, wenn ich mich durch die Stadt bewege. Berlin ist nicht Disney Land, auch wenn es an den meisten Samstagabenden den Eindruck erweckt. Irgendwo neben der Jeunesse dorée mit ihrem glitzernden Make-Up und dem aufgesetzt hedonistischen Weltbild, gibt es eine Realität, die eine Handbreit unter der Oberfläche lauert. Ein Schritt in die falsche Richtung, und man steckt knöcheltief im grauen, trüben Morast, den andere ihr Leben nennen. Versteckt wie eine alte Glasscherbe im Kopfsteinpflaster, nie auf den ersten Blick erkennbar und vielleicht keine unmittelbare Gefahr für die körperliche Unversehrtheit, birgt sie zumindest das Potential für Schmerzen und die Gefahr meine kleine Filterblase für einen Moment durchlässig zu machen für das Leben, das außerhalb dieser Blase vorherrscht. Dafür liebe ich diese Stadt, und genau das macht das Leben in ihr an manchen Tagen so unsagbar schwer.

An solchen Tagen stellt sich mir die Frage wie viel Realität und menschliches Schicksal ich in der Lage bin zu ertragen. Wie viele, bis der Schleier meiner selbstgefertigten Illusion endgültig reißt, meine Filter verschlissen und durchlässig werden für alles was um mich herum geschieht, und ich die hässliche Fratze dieser Stadt nicht mehr verdrängen kann, um meine eigene kleine beschauliche Realität erträglich zu machen?

Wie viel Anteilnahme kann ich mir leisten, bevor ich diese Stadt nicht mehr ertrage?

12th October
2011
written by DedalusRoot

„Nur sein Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet.“
– Jean Paul (Selina oder über die Unsterblichkeit)

Vor kurzem war ich auf einer dieser Veranstaltungen, auf denen man aus unerfindlichen Gründen ein stets gefülltes Glas in Händen hält und Konversation in Form von aneinander gereihten Belanglosigkeiten und Wikipedia-Versatzstücken betreibt, um die Zeit zu überbrücken, die unsichtbare Kobolde benötigen, um unbemerkt die Gläser aufzufüllen.

Im Rahmen einer solchen Konversation stellten wir fest, dass der Begriff “Weltschmerz” zur Gruppe jener linguistischen Exportschlager gehört, für die es in anderen Ländern keine richtige Entsprechung gibt, und welche aus dem deutschen Sprachraum ihren Weg in die große weite Welt gefunden haben. Weltschmerz steht damit auf einer Stufe mit anderen sprachlichen Errungenschaften wie Zeitgeist, Blitzkrieg und der alles bestimmenden urdeutschen Angst.

Von Jean Paul im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts erstmals erwähnt, beschreibt Weltschmerz ein Gefühl der Trauer und Melancholie, das einen angesichts der allgegenwärtigen Qualen der Menschheit und der Unzulänglichkeit der Welt überkommt und in anderen Sprachen meist ungenügend mit “Depression” oder “Melancholie” übersetzt wird. Weltschmerz ist jedoch deutlich allumfassender und ähnelt eher einer Weltanschauung als einer flüchtigen Gemütslaune.

Bei näherer Betrachtung zeichnet sich diese Plage der zweifelnden Jugend und Geißel der Dichter und Denker alleinverantwortlich für beinahe 90% aller schlechten Lyrik, die Entstehung depressiv-melancholischer Jugendbewegungen sowie die Leiden des jungen Werther. Wichtiger Bestandteil ist dabei stumpfes Grübeln sowie die tiefe Gewissheit in der breiten Masse der Bevölkerung auf Unverständnis zu stoßen.

Interessanterweise wird Weltschmerz im Russischen schlicht und einfach mit “Durst” übersetzt, was der Lösung des Problems ziemlich nahe kommt. Der Autor dieser Zeilen empfiehlt zur übrigens einen Bouvet-Ladubay Tresor Rosé Brut.

 

1st August
2011
written by DedalusRoot

 

“Hangin’ around, nothing to do but frown,
Rainy days and Mondays always get me down”
– The Carpenters

 

Das obige Foto ist leider nicht von mir, sondern von Danny Santos II, der seit drei Jahren regelmäßig und extrem erfolgreich fremde Menschen in den Straßen von Singapur fotografiert. Seine Faszination für Streetfotografie begründet er mit der Herausforderung unter widrigen Bedingungen bei ständiger Improvisation den perfekten Moment zu finden und zu bannen:

“Out here, nothing is prepared. Nothing cooperates with you.. not the weather, not the subjects, not the situation. You have to make do with what’s available. That’s a very big challenge. But on few occasions when all the elements just come together, and you’re at the right place at the right time, the feeling of ‘getting that perfect shot’ just doesn’t compare to anything else.”

Etwas ähnliches hatte ich mir vor einiger Zeit auch vorgenommen, war aber an der unzureichenden Kameraausstattung, und dem schlechten Gewissen, dass mich beim unbeobachteten Ablichten fremder Menschen ereilte, gescheitert.

Danny St.’s Aussage hinsichtlich der Fotografie hat mir deswegen so gut gefallen, weil sie allgemeingültig ist und auf alle Bereiche des Lebens angewandt werden kann. Leichte Siege und geschenkte Erfolge sind meist hohl und wertlos, während jene Momente in denen wir unter schwierigen Voraussetzungen unsere Ziele erreichen umso gewichtiger und größer wirken.
Lessons to be learned…

 


Danny Santos II im Internet:

 

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17th July
2010
written by DedalusRoot

Reflektionen der harmlosen Art im postgewitterlichen Berlin…


Warnung!

Widerstand

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