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25th September
2013
written by DedalusRoot

Vor einiger Zeit in einem fernen Land lebte einen Mann, der sich damit brüstete, Pferden die menschliche Sprache beibringen zu können.  Wie im Fall von Gerüchten und unwahrscheinlichen Geschehnissen üblich, verbreitete sich die Kunde über die wundersamen Fähigkeiten des Mannes in Windeseile, bis sie schließlich dem König jenes Landes zu Ohren kam. Dieser ließ den Prahlhans zu sich bringen und befahl ihm unter Androhung der Todesstrafe seine Behauptung zu beweisen. Nach einigem Überlegen stimmte der Mann sschließlich zu, gab jedoch zu bedenken, dass die Kunst Pferden das Sprechen beizubringen eine äußerst diffizile und zeitaufwändige sei. Er bat daher um eine Frist von zwölf Monaten sowie freie Kost und Logis in den luxuriösen Unterkünften des Palastes, während er sich diesem Unterfangen widmete.
Ein guter Freund des Mannes, der von dieser Vereinbarung erfuhr, protestierte lauthals: “Bist du des Wahnsinns? Jetzt magst Du vielleicht in Saus und Braus leben, aber in zwölf Monaten machen sie Dich einen Kopf kürzer!” Der Mann antwortete: “Ach… zwölf Monate sind eine lange Zeit, in der einiges geschehen kann. Vielleicht stirbt der König, vielleicht sterbe ich… wer weiß, vielleicht lernt das Pferd sogar das Sprechen.”

[frei nach Neil Gaiman]
23rd September
2013
written by DedalusRoot

Fight Club

Vier knappe Sitze trennen Granny Goodness und die schwarze Brut von der absoluten Mehrheit. Da fällt es auch dem optimistischsten Vertreter einer sozial verträglichen Politik schwer sich das Ergebnis durch das Scheitern der FDP und den glücklichen Umstand, dass die rechten eurokritischen Spinner Vollidioten Bildungsbürger der AfD es nicht ins Paralament geschafft haben, schön zureden.
Nichtsdestotrotz haben wir eine konservative Rechte, die mit 41,5% das beste Ergebnis seit 1994 eingefahren hat und können darüber hinaus von Glück reden, dass die verbleibenden rechten Betonköpfe sich auf dermaßen viele Splitterparteien verteilen, dass sie an der 5%-Hürde scheitern. Trotzdem scheint das das politische Klima zu sein, dass sich die Mehrheit für die nächsten vier Jahre wünscht: Soziale Kälte, Rechtspopulismus, Homophobie und die Ablehnung jeglicher Form von Gleichstellung scheinen mehrheitsfähig zu sein oder sind den meisten dermaßen egal, dass sie deren Vertretern ihre Stimme leihen.
Wenn das die bürgerliche Mitte ist, bin ich wohl linksradikal. Strange times indeed…

13th August
2013
written by DedalusRoot

Tentacle Van

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Kreuzberg – 19.07.2013

Leider kein Bulli und auch eher quick & dirty mit der Apfelknipse geschossen und mit pixlr aufgehipstert, aber wie schon Getrude Stein wusste: “Ein Squid ist ein Squid ist fast so gut wie Pandababys, Katzen und Faultiere.” Oder so ähnlich.

9th August
2013
written by DedalusRoot

 

Trotz der Tatsache, dass ich in Deutschland aufgewachsen und erst im Alter von 14 Jahren gen Griechenland entwurzelt wurde, um mich dort zumindest geringfügig mediterran sozialisieren zu lassen, werden einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen von griechischen Melodien begleitet. In unserer Küche lief eigentlich immer Musik, meist die politisch motivierten linken Lieder von Mikis Theodorakis der 60er und 70er, eng verbunden mit dem Widerstand gegen die Griechische Militärdiktatur, oder alte, melancholische Rembetika, dem griechischen Blues mit Erzählungen von Haschisch-Höhlen und Gefängnissen, gescheiterten Liebschaften und Messerstechereien. Meine Mutter stand mittendrin und summte und sang. Und lange bevor ich auch nur die Hälfte der Texte verstehen oder deren Aussagen erfassen konnte, sang ich mit, weil es nichts gibt, dass Inhalte besser vermittelt als eine Melodie. Sesamstraße lässt grüßen…
Bedingt durch diesen Umstand habe ich nicht nur die unsagbar schiefe Gesangsstimme meiner Mutter geerbt, sondern auch ihre Liebe zur griechischen Musik. Wahrscheinlich lässt sich so auch erklären, weshalb ich, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin und Deutsch weiterhin die Sprache ist, die ich mit Abstand am Besten beherrsche, nie den gleichen Bezug zu deutschsprachiger Musik wie zu griechischer gefunden habe. Griechische Musik dockt an völlig anderen Synapsen an, die sich wahrscheinlich irgendwo in den tiefsten Tiefen meines kleinen Echsenhirns befinden, und beschert automatisch Sehnsucht und das dauerhafte Gefühl etwas im Auge zu haben. (more…)

7th August
2013
written by DedalusRoot

Hiperrealismo_1

Hiperrealismo_2

Hiperrealismo_3

Miguelanxo Prado

[via so comic]
6th August
2013
written by DedalusRoot

Karagiozis

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Kreuzberg @ Mariannenstraße – 28.05.2013

Karagiozis (griechisch Καραγκιόζης, vom türkischen Karagöz) ist eine volkstümliche griechische Schattentheaterfigur (Quelle: Tante Wiki).

Die Tradition des Schattentheater hat ihren Ursprung im Orient und wurde während der Zeit der osmanischen Besatzung von der griechischen Bevölkerung der kleinasiatischen Küste aufgenommen. Sie  hat sich von ihrer Anfangszeit im 19. Jahrhundert bis in die 80er Jahre gehalten, als es im griechischen Fernsehen noch regelmäßig Karagiozis-Sendungen, vergleichbar mit dem Kasperle in Deutschland, gab.

Karagiozis verkörpert den Archetyp des armen und unzureichend gebildeten Griechen zur Zeit des osmanischen Reichs und stellt damit so etwas wie den “Missing Link” zwischen den Helden der Schelmenromane und dem Prekariat der Neuzeit dar. Er wird stets barfuß und mit geflickten Kleidern dargestellt. Darüber hinaus ist er bucklig und hat einen überlangen Arm. Er lebt mit seiner Frau Aglaia und seinen drei Jungen in einer ärmlichen Hütte unweit des Serails.

Wie seine Nachfahren des krisengeschüttelten 21. Jahrhunderts ist Karagiozis über alle Maße faul und seine Interessen bestehen zu großen Teilen aus Essen und Schlafen. Sein Hauptaugenmerk liegt auf seinem eigenen persönlichen Vorteil, und wenn er aus seiner Lethargie erwacht, um etwas zu unternehmen, dann nur um sich selbst auf recht plumpe Art und Weise zu bereichern. Die Versuche scheitern zur Belustigung der Zuschauer meist kläglich, und die wichtigste Lektion, die sich daraus für den Betrachter ergibt: Don’t try!

Natürlich ist Karagiozis ist auch ein Relikt aus der Zeit der osmanischen Besatzung und damit ein Symbol für den Widerstand gegen einen übermächtigen Gegner. So plump seine Versuche sich einen Vorteil zu verschaffen sind und so einfältig er auch wirken mag, so sehr liegen die Sympathien trotzdem bei ihm, wenn er versucht sich gegen seinen moralischen Gegenspieler Hadjiavatis, den Prototypen des obrigkeitshörigen Stiefelleckers, und die Handlanger des Sultans durchzusetzen.

In dieser Hinsicht steht Karagiozios in der Tradition der Schelmenfigur und repräsentiert die Auflehnung gegen Bevormundung und Unterdrückung mit einfachen Mitteln, und wir wünschen ihm, dass es ihm nur einziges Mal gelingt, der Obrigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Denn nichts würde uns mehr freuen, als dass er den Reichen und Mächtigen eine lange Nase drehte. In dieser Hoffnung ist die Aufgabe  des pikaresken Helden begründet, auch wenn wir bereits wissen, dass er gegen Windmühlen kämpft und zum Scheitern verurteilt ist. Am Ende weicht die hehre Hoffnung der tröstlichen Gewissheit, dass alles bleibt, wie es ist: Wir lachen über den Narren, der an unserer statt scheiterte, beruhigt und bestätigt in unserem Wissen, dass Widerstand unmöglich und nicht mehr als eine sentimentale Vorstellung ist.
Denn nur Narren kämpfen… der Rest von uns akzeptiert die Niederlage als selbsterfüllende Prophezeiung und versteigt sich ob ihrer Erfüllung in spöttisches, unser Gewissen beruhigendes, Gelächter und wartet auf die nächste Vorstellung.

4th August
2013
written by DedalusRoot

zombie-jesus

 

“Du hast was getan?” Ungläubig starrte ich ihn an.
“Ich habe ihn aus dem Reich der Toten in die Welt der Lebenden zurückgeholt.”
Sein Gesicht blieb regungslos und nur ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen.
“Er war also wirklich und wahrhaftig tot?” Ich erinnerte mich, dass Thaddäus auf einer Hochzeit in Kana Unmengen Wein getrunken und schließlich in einen Zustand der Besinnungslosigkeit verfallen war, aus dem ihn keiner von uns zwölf hatte wecken können, bis er plötzlich und scheinbar ohne Grund zwei Tage später wieder putzmunter und quicklebendig erwacht war.
“Weshalb sollte ich Dich anlügen? Du hast die Geschichten über seine Krankheit und seine Bestattung gehört. Er war so tot, wie ein jeder von uns am Ende seines Lebens. Und nun weilt er, wie Du unschwer an seinem lautstarken Gesang erkennen kannst, wieder unter den Lebenden.” Wieder huschte dieses unergründliche Lächeln um seine Lippen. Allem Anschein nach war er sich der Tragweite seiner Worte nicht bewusst, oder er übte sich in der für ihn so typischen Bescheidenheit, die viele von uns ratlos zurückließ und einige, mich eingeschlossen, regelmäßig zur Weißglut trieb.
“Könntest Du es wiederholen? Könntest Du jeden beliebigen Toten auferstehen lassen?
Wieder dieses Lächeln. Heute schien einer dieser Tage zu werden, in denen er mir Lektionen in Unergründlichkeit erteilte.
“Weshalb sollte ich so etwas tun? Die Ruhe der Toten ist verdient. Sie zu stören ist Frevel.”
“Aber Du hast Lazarus auferstehen lassen, oder? Du könntest es wieder tun…”
Sein Lächeln wurde breiter, und er schob sich ein Stück Fladenbrot mit Hommus in den Mund. “Vermutlich könnte ich das. Bedenke jedoch, dass Lazarus keine vier Tage tot war, als ich ihn zurückholte. Er lag in einer kühlen Höhle, geschützt von äußeren Einflüssen, die anfangen unserer sterblichen Hülle zuzusetzen, sobald unsere Seele sie verlässt. Wäre ich einige Tage später angekommen, hätte ich nicht gewagt ihn zurückzuholen.”
Das war typisch für ihn. Ich sprach davon ihn zum Herrn über Leben und Tod zu machen, und er dachte nur an den Toten und sein Wohlergehen.
“Nun vergiss doch einmal den Geruch! Du könntest Familien vereinen, Mütter und Söhne wieder zusammenbringen. Und darüber hinaus dem Tod und den Römern ein Schnippchen schlagen.”
“Ach Bruder… wenn der Geist den Körper erst lange genug verlassen hat, ist der Körper selbst nicht mehr als eine leere Hülle. Der Wiederbelebte wäre nicht länger der vermisste Sohn einer liebenden Mutter, sondern ein leeres, wandelndes Gefäß ohne eigenen Willen und Seele.”
“Umso besser! Du könntest sie Deinem Willen unterwerfen und ihnen befehlen.” Vor meinem geistigen Auge entspann sich eine Szenerie ungeahnter Möglichkeiten: eine Armee lebender Toter, die auf sein Geheiß in die Siedlungen unserer Unterdrücker einfielen, unfähig zu sterben und unaufhaltsam. Eine Legion toter (das passendere Wort wäre wahrscheinlich untoter) Judäer, vereint unter dem Banner des Menschenfischers, ausschließlich seinen Worten folgend, um den Worten endlich Taten folgen zu lassen.
Anscheinend hatte er meine Gedanken erraten, denn wieder blickte er mich mit mitleidigem Blick an: “Judas, mein Freund, allein mein Vater ist Herr über Leben und Tod. Auch ist Unsterblichkeit niemals ein Segen und unsere Zeit auf Erden aus gutem Grund begrenzt.”
“Aber Du besitzt die Fähigkeit Tote auferstehen zu lassen! Sicher würde Dein Vater wollen, dass Du sie für unsere Sache und zum Besten aller… nein, warte, lass mich raten: Unergründlichkeit?” Er lächelte.
“Und wenn der Tod nun Dich ereilte, bevor Dein Werk hier auf Erden vollendet wäre? Würdest Du von den Toten wiederkehren?” In mir reifte ein kühner Entschluss.

2nd August
2013
written by DedalusRoot

Kochlöffel

Es ist bekanntlich einfacher adäquate Partner zum einvernehmlichen Geschlechtsverkehr aufzutreiben, als Menschen zu finden mit denen man kompatibel genug ist, gemeinsam den Kochlöffel zu schwingen. Ein bisschen Ficken können irgendwie alle (zumindest behaupten sie das), die meisten haben es schon einmal praktiziert oder zumindest im Internet gesehen. Was kann da schon schiefgehen? Kochen hingegen will gelernt sein. Es erfordert Erfahrung, Kreativität und Einfühlungsvermögen. Mit einem Ausbeinmesser bewaffneten Menschen den Rücken zuzukehren erfordert darüber hinaus ein unermessliches Maß an Vertrauen, steht hier doch nicht nur die eigene körperliche Unversehrtheit, sondern auch die des zu entbeinenden Rehrückens und somit des ganzen Essens, auf dem Spiel. So kommt es, dass viele, die sich Sex zutrauen, sich (mit Recht!) nicht an die Herausforderung des Kochens heranwagen.
In meinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass ich in der Küche um einiges dominanter bin  und weniger Fehler vergebe. Schließlich zählt hier ausschließlich das Ergebnis und die Wahrheit liegt bekanntlich auf dem Teller. (more…)

22nd July
2013
written by DedalusRoot

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Plänterwald – 21.07.2013

In den Sommermonaten, wenn die Sonne uns für den finsteren Berliner Winter entschädigt und tatsächlich einmal zwei Wochen am Stück scheint, unternimmt der geneigte Haupststädter  gerne die ein oder andere Landpartie. Meist geht es mit Kind, Kegel und der obligatorischen Badehose raus aus der Stadt und rein in den nächsten See, der Westen gen Wann-, der Osten gen Müggelsee.
Soziophobere Gestalten frequentieren in dieser Zeit die leergefegten Hallenbäder, oder sie versuchen ihr Glück indem sie ein Fleckchen Grün suchen, dass in der Sommerzeit nicht die Bevölkerungsdichte der Tokyoter Innenstadt aufweist.

Obwohl der Plänterwald eigentlich direkt umme Ecke ist, war es dort, bis auf gelegentlich Beats, die von der Rummelsburger Bucht rüberwaberten, angenehm ruhig und unter dem Blätterwald sogar kühl. Etwas abseits des Wegs entdeckt man dann auch das “Eierhäuschen”, dass zu seiner Blütezeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Berliner Ausflugslokal und unter anderem Schauplatz eines Kapitels  von Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“ war (Tante Wiki), bis es schließlich mehrfach abbrannte. Die erhaltene Ruine ist mehr schlecht als recht mit einem Bauzaun geschützt und für Freunde des idyllischen Verfalls sicher einen Abstecher wert. Auf ein Betreten des maroden Dings habe ich mangels Begleitung und im Interesse meiner körperlichen Unversehrtheit verzichtet, somit gibt es vorerst nur Schnappschüsse der Fassade.

3rd July
2013
written by DedalusRoot

Mittwoch Nacht irgendwo in Neukölln. Ein Mann Mitte fünfzig mit erschöpften Gesichtszügen und abgetragenen Kleidern steht mutterseelenallein und völlig regungslos auf dem Gehweg. Minutenlang zuckt er weder mit der Wimper, noch bewegt er auch nur einen Muskel, sondern steht einfach nur da, die Arme schlaff an seiner Seite herabhängend und starrt mit leeren Augen in die Ferne. Passanten gehen an ihm vorbei, sorgsam darauf bedacht ihn keines Blickes zu würdigen.
Innerhalb der wenigen Schritte, die brauche, bis ich ihm auf Augenhöhe gegenüber stehe,  überlege ich, was diesem Menschen widerfahren sein könnte, der so offensichtlich vom Rand der Gesellschaft gefallen ist, dass ihm niemand auch nur die geringste Beachtung schenkt. Ich stelle mir die Frage, ob ich ihn ansprechen soll, ihn fragen ob alles gut ist, aber irgendetwas hält mich davon ab. Stattdessen danke ich meinem Schicksal, dass ich seines nicht teile und ignoriere ihn, wie all die anderen Passanten, die, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, an ihm vorbeilaufen.

So sehr ich in solchen Momenten helfen möchte, so sehr habe ich auch Angst. Angst vor dem was passiert, wenn ich sie anspreche und unsere Welten sich überschneiden, wenn ich mich mit ihr befassen muss. Angst davor, dass der Sog ihrer Existenz mich ergreift und sie mich ebenfalls über den Rand zerren könnte, wenn ich mich nur weit genug in ihre Umlaufbahn traue, statt sie wie eine Litfaßsäule links liegen zu lassen.

Einige Tage später eine ähnliche, wenn auch völlig andere Situation: Ein junges Mädchen Ende zwanzig steigt in die U-Bahn. Sie hat die Kapuze ihres Hoodies tief ins Gesicht gezogen und trotzdem  sehe ich die Tränen, die sich ihren Weg durch die schwarzen Ringe ihres verlaufenen Make-Up bahnen. Die Hände des Mädchens zittern, als sie nach der Haltestange greift und immer wieder schütteln unterdrückte Schluchzer ihren Körper. Ungefähr vier Stationen, das Großstadtequivalent einer kleinen Ewigkeit, denke ich darüber nach sie anzusprechen, sie zu fragen, ob sie Hilfe braucht. Ich denke lange darüber nach, wie diese Form der Aufmerksamkeit auf sie wirkt, ob sie nicht sogar unerwünscht ist, womöglich übergriffig wirkt, bevor ich schließlich, ohne ein Wort zu sagen, aussteige und meinen Weg durch die nächtliche Stadt fortsetze, vorbei an einem Typen, der im nächsten Hauseingang liegt und hofffentlich nur schläft.

Dieses Gefühl überkommt mich oft, wenn ich mich durch die Stadt bewege. Berlin ist nicht Disney Land, auch wenn es an den meisten Samstagabenden den Eindruck erweckt. Irgendwo neben der Jeunesse dorée mit ihrem glitzernden Make-Up und dem aufgesetzt hedonistischen Weltbild, gibt es eine Realität, die eine Handbreit unter der Oberfläche lauert. Ein Schritt in die falsche Richtung, und man steckt knöcheltief im grauen, trüben Morast, den andere ihr Leben nennen. Versteckt wie eine alte Glasscherbe im Kopfsteinpflaster, nie auf den ersten Blick erkennbar und vielleicht keine unmittelbare Gefahr für die körperliche Unversehrtheit, birgt sie zumindest das Potential für Schmerzen und die Gefahr meine kleine Filterblase für einen Moment durchlässig zu machen für das Leben, das außerhalb dieser Blase vorherrscht. Dafür liebe ich diese Stadt, und genau das macht das Leben in ihr an manchen Tagen so unsagbar schwer.

An solchen Tagen stellt sich mir die Frage wie viel Realität und menschliches Schicksal ich in der Lage bin zu ertragen. Wie viele, bis der Schleier meiner selbstgefertigten Illusion endgültig reißt, meine Filter verschlissen und durchlässig werden für alles was um mich herum geschieht, und ich die hässliche Fratze dieser Stadt nicht mehr verdrängen kann, um meine eigene kleine beschauliche Realität erträglich zu machen?

Wie viel Anteilnahme kann ich mir leisten, bevor ich diese Stadt nicht mehr ertrage?

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